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Tauben weisen den Weg
M. Steyt, Leven ende mirakelen der heil. Basinus, Gerulphus en Adelgundis. Gent 1813. (aus hdschr. und mündlichen Quellen.)
Zu Dronghen bei Gent steht in der Abteikirche ein wunderthätig Marienbild; das ist folgendermaßen dahin gekommen. Ehedem stand es zu Terenburg (Teruanen), wurde daselbst fleißig geehrt von einem frommen Mönche. Als der aber später Bischof wurde, gedachte er des Bildes nicht mehr so viel und das missiel der heiligen Magd so sehr, daß sie nicht fürder in der Kirche bleiben wollte, sondern eines Morgens auf der östlichen Kirchenmauer gefunden wurde. Zugleich sah man zwei weiße Tauben, die mit einer Wolke von Weihrauch hinzuflogen, so daß es schien, als habe die Kirche in Brand gestanden. Erstaunt ob des Wunders, nahm man das Bild und trug es mit viel Ehrerbietung wieder in die Kapelle, doch am folgenden Morgen fand man es wieder auf der Mauer. Da erkannte man, daß das Bild nicht länger da bleiben wollte, und man ließ ein Gebot ausgehen, daß ein Jeder, der fünfzehn und mehr Jahre alt wäre, kommen und einer Prozession beiwohnen solle, in welcher man das Bild umtrage und Gott flehe, daß er ein Zeichen gebe, welchen Ort er für das Bild bestimmt habe. Ein blinder Priester hatte inzwischen von dem Wunder gehört, nahte dem Bilde mit einem Tuche, womit er zuerst das Bild und dann seine Augen bestrich, und wurde zur Stunde sehend. Da nahm der Priester das Bild auf und trug es in der Prozession und die zwei Tauben flogen vor den Fahnen her und wiesen den Weg; und sie flogen weiter und immer weiter bis gen Kortryk.
Da versammelte der Bischof eine große Menge Volkes und sie folgten alle dem Bilde nach Grünenthal (Groenendale) und von da nach Sankt Peter zu Gent, von Sankt Peter zu Sankt Bavo in derselben Stadt. Doch ruhten die weißen Tauben auch da nicht; sie erhoben sich wieder und flogen weiter nach Baudeloo und von da nach Saleghem und die Prozession mit dem Bilde folgte ihnen. Zu der Zeit befand der Graf von Flandern sich just zu Baudeloo und Tercluysen und als er von dem Wunder hörte, gebot auch er, daß Alle, die fünfzehn Jahr und mehr zählten, in Leinwand und barfuß dem Bilde folgen sollten, soweit wie die Tauben fliegen würden. Dadurch kam eine so große Menge Volkes zusammen, daß man von Stadt zu Stadt sandte, um Nahrung zusammen zu bringen, und immer noch wuchs die Menge. Von Saleghem nun flogen die Tauben weiter in eine Wildniß zu Hülsterloo; da sekten sie sich auf einen Baum und bauten ein Nest, gaben also zu erkennen, daß dies die von Gott für das Bild erkorene Stätte sei. Man stellte auch das Bild unter den Baum und der Priester, der sehend geworden war, baute unfern eine Siedelei, wo er sein Leben lang inwohnen blieb und in der ihm viel andere Einsiedler folgten.
Später ist allda eine Kirche gebaut worden und einige Prämonstratenser Abteiherren von Dronghen gingen hin, um des Gottesdienstes in derselben zu pflegen. Das dauerte also bis in's 16. Jahrhundert, da kamen die Geusen, nahmen das Bild und warfen es in ein großes Feuer; es ist aber nicht verbrannt, obschon es nur von Holz ist, nur hier und da sprang die Farbe ab. Später hat man es von neuem bemalen wollen, doch hat es keine Farbe angenommen. Ms Hülsterloo endlich durch die Gewalt der Wafser zu Grunde ging, hat man das Bild aus der Kirche genommen und gen Dronghen gebracht, wo es noch zu sehen ist. Schwangere Frauen thuen Gelübde dazu, um eine gluckliche Niederkunst zu erlangen.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
