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Berthold von Wittelsbach
Caesar. heisterb. dial, miracul. VI. c. 26.
Pfalzgraf Berthold von Wittelsbach war ein überaus strenger Richter und wer auch nur eines Pfenniges Werth gestohlen hatte, der mußte nicht auf seine Gnade rechnen. Ich habe selbst gehört, daß er jedesmal, wenn er ausritt, Stricke an seinem Gürtel mit sich trug, damit der Schuldigen Strafe keine Zögerung leide.
Eines Morgens stand er früh auf und knüpfte nach Gewohnheit einen Strick an seinen Gürtel. Da hörte er eine Stimme aus der Luft, welche ihm zurief: „Berthold, den Ersten, welcher dir vor deinem Schlosse begegnet, hänge auf mit dem Stricke!“ Berthold machte sich schnell fertig und verließ sein Schloß; der Erste, der ihm aber begegnete, war einer seiner Schulzen. Das that dem Pfalzgrafen leid, denn er hielt viel auf den Mann, und er sprach zu ihm: „Es ist mir nicht lieb, daß du mir begegnest.“ Darauf frug der Schulze: „Warum denn?“ „Weil ich dich aufhängen werde,“ antwortete Berthold. Der Schulze frug erschrocken: „Warum soll ich denn aufgehängt werden?“ und der Pfalzgraf entgegnete: „Das weiß ich nicht; bringe aber deine Sachen in Ordnung und saubere dein Gewissen, denn ich kann Gottes Stimme nicht ungehorsam sein.“
Als der Schulze nun sah, daß keine Rettung für ihn war, sprach er: „Der Herr ist gerecht; viel Missethaten habe ich begangen, manchen Todtschlag und Raub habe ich auf meiner Seele; euch, Herr Pfalzgraf, war ich nie getreu und der Armen habe ich nie geschont.“ Alle die das hörten, standen erstaunt darob und bewunderten Gottes Rathschlusse. Weil der Pfalzgraf aber stets so ohne Gnade richtete, fand er auch keine Gnade, als Heinrich, der Marschall des Königs Philipp, welchen Berthold erschlagen, ihn niederfällte.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
