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Recht der Besenbinder
Klugtvertelder S. 40. De heerlyke en vrolyke daden van Keyzer Carel V. S. 52.
Einmal verirrte Kaiser Karl sich auf der Jagd und kam nach langem Wandern endlich an eine Bauerhütte; da klopfte er an, der Bauer öffnete ihm und frug, was sein Begehren wäre. Karl frug sich fürs Erste ein wenig Speise und Trank und alsbald flog der Bauer mit seinem Weib und deckten die Tafel und trugen auf, was sie hatten. Dann flüsterte der Bauer der Frau in's Ohr: „Sag, sollen wir dem Herrn nicht ein Stück Hirsch geben?“ - „Wie du meinst,“ sprach die Frau und der Bauer ging und holte einen prachtigen Hirschbraten, sekte den dem Karl vor und sprach: „Herr, da hab ich noch etwas, aber das geb' ich nur unter dem Beding, daß ihr dem Kaiser nichts davon saget.“ „Gott bewahre,“ sprach der Kaiser und hieb tüchtig in das Fleisch, denn er hatte großen Hunger. Als er sich endlich satt gegessen und getrunken hatte, gab er dem Bauer eine kleine Verehrung, ließ sich von ihm auf den rechten Weg führen und nahm Abschied.
Am andern Tage aber schickte er wieder zu ihm und ließ ihn an Hof holen. Der Bauer meinte, der fremde Gast hatt' ihn beim Kaiser verrathen, und stand Todesangst aus; als er aber in den Saal kam und den Karl erkannte, da ward es ihm ein bischen besser zu Muthe. „Wie soll ich dir die Mahlzeit von gestern vergelten?“ frug der Kaiser und der Bauer antwortete, er begehre nichts mehr, als sein Lebenlang frei Besenreis schneiden zu mögen. „Gut, und binde viel Besen und komm morgen wieder,“ sprach der Karl.
Am andern Morgen kam der Bauer mit seinem Weib und hatten einen ganzen Karren voll Besen bei sich. Da ließ Karl verkündigen, es dürfe keiner zu ihm kommen, sonder einen Besen, der bei dem Bauer gekauft sein müsse. Nun kauften alle Hofleute sich Besen, das Stück zu einer Pistole und der Bauer bekam ein schön Häuslein Geld zusammen und war ein reicher Mann. Zugleich ließ der Kaiser an dem Tage ein Gebot ausgehen, daß von da ab ein jeglicher frei Besenreis möge schneiden zu ewigen Tagen, nur müsse er tragen einen Holzschuh und einen Schlappschuh oder Schluffen.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
