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Leonhardi Eselsritt
Mündlich in Flandern
Sankt Leonhard kam einmal durch einen großen Busch und hörte daselbst einige Schritte vom Wege ab ein großes Geweine und Gewimmer. Als er darauf zuging, da war da ein König, der mit seiner Königin durch den Wald hatte ziehen wollen, und die Königin war im Walde von Geburtswehen überfallen worden; schon hatte man alle Aerzte, die nur zu finden waren, geholt, aber die konnten der Königin nicht helfen. Als die Herren den heil. Leonhard nun sahen, da sprachen sie zum König, er solle den ersuchen, daß der für die Königin bete; das werde ihr sicherlich helfen. Da ging der König zu dem Heiligen und fiel auf die Knie vor ihm und flehte ihn, für die Königin zu beten. Sankt Leonhard knietenieder und bat zu Gott, daß er der Königin eine gnädige Erlösung ihrer Frucht schenken wolle, und kaum hatte er das Gebet geendet, da gebar sie glucklich einen jungen Sohn und fühlte bald darauf sich so wohl, als ob ihr nie etwas gefehlt hatte. Der König war so erfreut darob, daß er nicht wußte, wie er Sankt Leonhard dafür danken solle; er ließ all sein Gold und Silber holen, was er bei sich hatte, und alle Edelgesteine und andere Kostbarkeiten dazu und wollte die dem heil. Leonhard schenken. Der aber sprach, er bedürfe dieser Sachen nicht und der König solle sie an Witwen und Waisen schenken, das wäre Gott wohlgefällig. Da sprach der König: „Dann schenke ich euch diesen ganzen Wald zu einem Eigenthume, dieweil ihr doch nur ein still und einsam Leben begehret. „ Sankt Leonhard antwortete: „Nein, den ganzen Wald will ich nicht, sondern nur ein Stück davon und zwar so viel, als ich in dieser Nacht mit meinem Eselein umreiten mag.“ Deß war der König zufrieden und Abends begann Sankt Leonhard seinen Ritt und der König ließ den Weg, den er nahm, mit steinernen Säulchen abzeichnen. Später ließ Leonhard noch ein Kirchlein daselbst bauen und weihte das ein zur Ehre der heil. Mutter Maria.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
