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Gottliebe
Wonderlyk leven van de heil. Godelieve. Gent. Begyn. v. I. Flämisches Volksbuch.
Im Jahre unsers Herrn 1074 wohnte in der Graf schaft Bolonien zu Longfort ein braver Ritter mit Namen Hemfried, der hatte eine Hausfrau, welche Ogine hieß. Diese Beiden hatten in ihrer Ehe drei Töchter gewonnen, Ogine, Adele und Godelieve oder Gottliebe, die gleich ihren Weltern reich waren an Tugend und Gottesfurcht; vor allen aber war die Jungste, Gottliebe, ein Muster von Heiligkeit. Sie liebte die Armen so sehr, daß sie ihnen alle Speise und Trank gab, welche sie nur bekommen konnte, ja nicht selten sparte sie sich selbst das Essen am Munde ab, um es den Armen zu bringen. Der Hofmeister ihres Vaters war aber damit nicht sehr zufrieden, denn häufig gebrach es an Speise, wenn Herr Hemfried sich zu Tische sehen wollte; er forschte darum nach, wo das Essen bliebe, und als er hörte, daß Gott liebe es stets den Armen gab, hatte er fleißig Acht auf sie, um sie zu ertappen. Eines Tages sah er sie mit einer ganzen Schürze voll Speise die Burg verlassen, trat ihr in den Weg und sprach unwillig: „Jungfrau, ihr beschämet mich und bringt mich in Unehre dadurch, daß ihr das Essen verschenket.“ Gottliebe aber ermahnte ihn mit so schönen Worten, daß er schamroth von dannen ging und dem Ritter den Dienst aufsagte. Hemfried frug ihn, warum er das thue? da beklagte sich der Hofmeister über Gottliebe, sprach, sie gebe alles weg. und am Ende blieb kein Bissen trocknen Brotes im Hause. Der Ritter beruhigte ihn und befahl ihm, Gottliebe zu rufen. Als diese kam, ging Hemfried mit ihr in eine Kammer allein und sprach zu ihr: „Gib den Armen so viel wie du willst, meine liebe Tochter, aber hüte dich, daß der Hofmeister es nicht sieht; ich habe nicht gern, daß er klagt.“ Da war Gottliebe froh und theilte nun noch viel mehr an die Armen aus. Das merkte der Hofmeister aber bald wieder und er beschloß, ihr aufzupassen und ihr die Speise abzunehmen.
Eines Tages trat sie in die Küche und nahm einen Theil der Speisen, welche sie da fand, steckte sie in ihre Schürze und ging dem Thore zu, um sie auszutheilen. Unterwegs aber trat der Hofmeister ihr entgegen und frug zornig: „Jungfrau, was habet ihr in eurer Schürze?“ Gottliebe sprach: „Nichts,“ aber der Hofmeister, der ihr aufgelauert und alles gesehen hatte, erwiderte: „Das ist nicht wahr, denn ich habe gesehen, daß ihr in der Kuche solche und solche Speisen in eure Schurze stecktet, darum gehet mit mir zu eurem Vater, damit er es selbst einmal sehe.“ Darüber erschrak Gottliebe und sprach: „Ich habe nur einige Holzspäne aufgerafft und trage die zu den armen Kindern, damit dieselben sich ein Feuer machen und sich wärmen können.“ Der Hofmeister lachte darob und erwiderte: „Ihr werdet mir doch nicht ab leugnen, was ich mit meinen eignen Augen sah.“ Da wandte Gottliebe Herz und Augen gen Himmel, öffnete die Schürze und sprach: „Da sehet denn!“ Der Hofmeister sah in die Schurze, doch, o Wunder, er sah nichts denn Hobelspäne, und beschämt und reuig warf er sich zu den Füßen der frommen Jungfrau und rief: „Tausendmal leid thut es mir, daß ich mich gegen eure Mildheit verseht, vergebet mir darum, Jungfrau, Gottes Hand ist mit euch!“ Gottliebe aber hob ihn auf und sprach: „Ich vergebe euch gerne, saget aber Niemand etwas von dem, was ihr gesehen.“ Damit schieden sie von einander und als Gottliebe am Thor war, griff sie in ihre Schurze und theilte die abermals in Speise verwandelten Späne den daselbst harrenden Armen aus. Der Hofmeister hielt sein Versprechen aber nicht, sondern ging zu Herrn Hemfried und erzählte demselben Alles, worüber der Ritter manche Freudenthräne weinte und nebst Frau Dgine Gott auf den Knien Dank sagte. Doch verboten sie dem Hofmeister, das Wunder weiter zu erzählen, und er that das auch nicht eher, bis nach Gottliebens seligem Tode; da kam es mit viel andern wunderbaren Dingen zu Tage und in Jedes Mund.
In demselben Jahre geschah es, daß Herr Hemfried um einiger wichtigen Sachen willen an den Hof des Grafen von Bolonien zog, wo all die Edeln des Landes zusammengekommen waren. Nachdem nun Alles verhandelt war, lud Hemfried den Grafen ein, einmal zu ihm nach Longfort zu kommen, und der Graf sagte ihm das zu und bestimmte ihm Tag und Stunde. Deß war Hemfried sehr froh und als er nach Hause kam, ließ er alsbald große Vorbereitungen machen, um den Grafen würdig empfangen zu können. Die Armen in der Gegend von Longfort waren nicht weniger zufrieden, als sie das hörten, denn sie wußten, daß Gottliebe ihnen einen guten Theil der Speisen werde zukommen lassen. Als der Graf nun mit vielen Rittern und Herren in Longfort angekommen war, gingen sie zuerst in die Kapelle, um die Messe zu hören. Gottliebe war unterdeß zum Thore gegangen und als sie die Armen dort in Menge harren sah, wählte sie vier der reinlichst Gekleideten von ihnen aus und nahm die mit sich zur Küche, wo die Speisen bereit standen, um zur Tafel getragen zu werden. Grade in dem Augenblicke erhob sich ein groß Gelächter unter den Rittern in dem Hofe und die Koche und Kuchenjungen liefen zu den Fenstern, um zu sehen, was das wäre. Das war Gottliebe gar willkommen, sie nahin schnell einige der besten Gerichte, als Reiher, Pfauen und Wildprett und gab den vier Armen, soviel sie tragen konnten, nahm auch ihren Schoos noch voll und eilte unbemerkt fort und zum Thore, wo sie Alles austheilte; dann sprach sie zu all den Armen: „Nun eilet und laufet, was ihr könnt; ich will schon Alles verantworten.“
Nachdem die Messe nun geendet, die Tische gedeckt waren und die Ritter und Herren die Hände gewaschen hatten, riefen die Diener den Köchen, daß sie die Speisen bringen sollten. Da gab es aber groß Geschrei und Klagen, denn Töpfe und Pfannen waren halb leer. Gottliebe hörte das, ging in die Kuche und fprach: „Machet euch darum keinen Kummer, denn das habe ich gethan. „ Damit war es aber nicht gut; die Koche sagten das den Dienern und diese meldeten es dem Grafen und der ließ Gottliebe rufen und verwies ihr mit sanften Worten, daß sie ihn also beschämt mache vor dem Grafen und all den Herren. Gottliebe suchte ihn zu beruhigen, aber er wurde immer mehr aufgebracht und drohte ihr endlich, sie in Gegenwart des Grafen öffentlich zu strafen. Da ging sie betrübt in ihre Kammer und wandte sich im Gebete zu Gott, und siehe, als die Köche die Reste der Speisen in etwas wieder ordnen und zurecht machen wollten, füllten sich die Pfannen und Topse wieder so, daß mehr denn genug für die Gäste darin war, und dazu erklärte der Graf noch, er habe nie köstlichere Speisen gegessen; ja, als die Diener die Tafel räumten, da war noch viel mehr übrig, als man aufgetragen hatte. Nachdem die Mahlzeit geendet war, sprach der Graf zu Herrn Hemfried: „Ich habe so viel gehört von der Schönheit und den Tugenden eurer Tochter Gottliebe, daß ich sie gar zu gerne sehen möchte. Lasset sie darum einmal hierher kommen.“ Hemfried entbot sie alsbald und der Graf sprach gar freundlich mit ihr und ermahnte sie zugleich, daß sie bald einen Gemahl wähle unter den vielen Rittern, welche nichts sehnlicher wunschten, als ihre Liebe gewinnen zu können; doch Gottliebe redete ihm soviel von den Vorzügen jungfraulicher Reinheit, daß er nicht weiter in sie drang.
Die Mähre von dem köstlichen und reichlichen Mahle, welches der Ritter von Longfort dem Grafen gegeben, sowie von der Schönheit und den Tugenden der Tochter Hemfrieds verbreitete sich inzwischen immer mehr und kam endlich auch zu den Ohren eines flandrischen Edelmannes Namens Bertolf. Der zog alsbald mit einem großen und reich ausgestatteten Gefolge nach Longfort und bat Hemfried um Gottliebens Hand; doch Gottliebe wollte nichts von einer Heirath wissen und ihr Vater wollte sie nicht dazu zwingen; so mußte Bertolf unverrichteter Sache wieder abziehen. Er gab darum aber die Hoffnung nicht auf, sondern wandte sich an den Grafen von Bolonien und bat diesen um seine Vermittlung. Der Graf gelobte ihm seinen Beistand und ging selbst mit ihm nach Longsort, wo er nach langem Hin- und Wiederreden es endlich so weit brachte, daß Hemfried seine Tochter mit Bertolf verlobte. Dann reisten alle zusammen nach Ghistel in Westflandern, wo Bertolfs Schloß auf der Stelle des jezigen Klosters stand, und da wurde die Hochzeit mit vieler Pracht gefeiert. Bertolfs Mutter aber war ein arges Weib; als die sah, daß ihr Sohn eine Fremdlingin zu seiner Frau machte, schlug sie ihre neidischen Augen auf die Braut und suchte, ob sie nicht irgend einen Makel an ihr entdecken konnte, doch fand sie nichts an ihr, ausgenommen daß ihre Augenbraunen schwarz waren, wie ihr Haar. Sie ließ sich aber noch nichts merken, sondern empfing Gottliebe und die Ihren mit viel schönen Worten, sprach und that auch schon, so lange das Hochzeitmahl dauerte.
Zu Ende des Mahles aber, als man die Braut enthüllen und entkleiden sollte, und man sah, daß ihr Haar so schwarz war wie ihre Augenbraunen, stieß die Kammerfrau die andern flandrischen Frauen an und alle gingen lachend und spottend von dannen. Bertolfs Mutter lief zugleich zu ihrem Sohn, rang die Hände und riß sich das Haar aus und sprach unter Thränen der Wuth: „Konntest du hier keine Krähe finden, daß du diese in der Fremde suchen mußtest? Es thut mir leid, daß ich deine Mutter bin, und verflucht sei die Stunde, in welcher du das Weib in's Haus brachtest!“ Bertolf war eines schwachen Muthes und der Teufel half so wohl, daß er seine Liebe zu Gottliebe bald vergaß und dem bösen Weibe gelobte, in Allem ihren Willen zu thun. Da sprach die Alte: „Willst du meinem Rathe folgen, dann ziehe alsbald von hier weg. Wenn ihre Freunde und Pagen morgen aufstehen, dann werde ich ihnen eine solche Miene zeigen, daß sie froh sein müssen, bald nach Hause zu gehen, und fragt mich einer, wo du seist, dem werde ich also antworten, daß er mich nicht zum andern Male fragt.“ Bertolf gehorchte ihr, setzte sich heimlich zu Pferde und ritt weg von der Burg. Als die Hochzeitgäste am andern Morgen aufstanden, lief Bertolfs Mutter tosend und tobend in dem Schloß umher, schrie: „Schläft man denn ewig hier?“ schalt die Dienstleute und drohte ihnen gar, sie zu schlagen. Die von Bolonien waren nicht wenig verwundert darob, und der Aufenthalt auf dem Schlosse war ihnen schon ganz verleidet. Als sie hinunterkamen, frugen sie nach dem Bräutigam, und Bertolfs Mutter erwiderte, der sei auf einer Pilgerfahrt zu Ehren unserer lieben Frau, um zu erlangen, daß seine Frau nicht im Kindbette sterbe; er habe das Gelübde ganz vergessen gehabt, sich desselben erst gestern Abend bei Tische erinnert und gleich seine Wallfahrt angetreten.
Als die Herren das hörten, nahmen sie alle zusammen Urlaub und saßen auf, um nach Hause zurückzukehren. Gottliebe und Bertolfs Mutter gaben ihnen das Geleite bis an's Thor. Man kann leicht denken, wie es Gottlieben ums Herz war, als sie sich nun so plöslich unter ganz wildfremden Leuten befand. Noch weher wurde ihr, als die Alte sie von dem Thore weg und zu sich rief und zu ihr sprach: „Gebet euren Schmuck und eure goldenen Ketten her, damit ich sie verschließe, bis euer Mann kommt, der mag damit thun, was er will. Hier in der Kammer bleibet ihr, bis Bertolf wieder zu Hause ist; ich werde euch Essen und Trinken senden.“ Und mit den Worten nahm die Alte den Schmuck und die Ketten, ging weg und schloß die Kammer zu. Gottliebe wußte zuerst vor Verwunderung nicht, was sie sagen sollte, doch faßte sie sich bald und opferte Gott ihr Leiden auf. Das Essen, welches sie täglich empfing, aß sie nur halb, die andere Hälfte ließ sie durch die Magd, welche ihr die Speise brachte, den Armen geben. Als Bertolfs Mutter das hörte, sandte sie ihr viel weniger Speise; denn eines Theils war das böse Weib über die Maßen geizig und dann wollte sie auch nicht, daß Gottliebens Herzensgüte und Mildheit bekannt würde. Einige Zeit nachher kehrte Bertolf nach Hause zuruck. Die Alte eilte ihm entgegen und band ihm viel grobe Lugen auf, wie die von Bolonien von da weggegangen wären. Als Bertolf frug, wo Gottliebe wäre? 391 sprach sie: „Die sikt in ihrer Kammer und mault; kein Mensch kann es bei ihr aushalten, so ungestüm und rauh ist sie. „ Das hörte die Magd, welche Gottlieben die Speisen zutrug, lief zu der heiligen Magd underzählte ihr Alles, sprach auch, sie solle ihrem Mann entgegengehen und ihn willkommen heißen. Dem Rathe folgte Gottliebe gerne, doch Bertolf kehrte ihr den Rücken, als wollte er nichts von ihr wissen. Dazu fluchte und schwur die Alte, rief: „Sieh nur, wie frech und unverschämt sie ist, die Heuchlerin! O daß du je nach Longfort kommen mußtest! Sie bringt uns noch alle in Schande, so häßlich und ungeschickt ist sie.“
Gottliebe schwieg lange stille zu solch argen Worten, endlich aber erwiderte sie bescheidentlich: „Ich weiß nicht, was ich gegen euch verbrach, daß ihr so hart und grausam gegen mich seid. Habe ich euch irgend Leides gethan, dann saget es, ich will es gerne bessern.“ Die Alte antwortete ihr nicht, sondern warf ihr nur einen Blick voll Wuth zu. Gottlieben blieb nun wol nichts übrig, als sich zu Gott zu wenden, und das that sie auch in der Stille und neugestarkt wandte sie sich dann zu Bertolf und sprach: „Saget mir doch, Bertolf, womit ich das um euch verdient habe! Lasset doch euren Unmuth sinken, denn ohne Ursache seid ihr mir bose. Ich bin ja zu Allem willig, was ihr von mir verlangt, und kein Dienst ist mir zu schlecht, wenn ihr mir denselben zu verrichten befehlet.“ Da fiel die Alte ihr ins Wort und sprach: Wohl, Bertolf, dann trage ihr auf, die Krähen von dem Saatlande dort zu verjagen; eine Krähe mag leichtlich der andern wehren, den Samen aufzupicken, und zu etwas Anderm ist sie ohnedies nicht nuke. „Bertolf war nur allzu willig, dem bösen Rathe zu folgen, und er sprach zu Gottliebe: „Gehe und thue, was meine Mutter sagt, und thust du's nicht, ich werde es dir wenig Dank wissen.“ Gottliebe sprach: „Ich bin gerne bereit, euren Befehlen zu folgen, nur thut es mir leid, daß es euch gereut, mich zu eurer Frau gemacht zu haben, und daß ihr eure Seligkeit um meinetwillen aufs Spiel seket.“
Da rief die Alte: „Ja, ja, da hore nur einer, wie sie dir eine blaue Kappe aufsetzt,“ und Bertolf fügte hinzu: „Gehe und thue, was dir befohlen ist.“ Gottliebe gehorsamte, ging zu dem Acker und blieb daselbst bis zum Abend; dann kehrte sie betend nach Hause zurück und blieb auch die Nacht im Gebete auf ihren Knien in der Kammer liegen. Morgens ging sie wieder zu dem Acker und ein Mägdlein aus dem Schlosse folgte ihr; das klagte und weinte sehr, daß die edle Jungfrau solch geringe Dienste verrichten mußte, doch Gottliebe beruhigte es und sprach: sie habe solch Leiden vielleicht von Gott verdient. Indem sie noch also sprachen, kamen die Krähen in großen Schwärmen und das Mägdlein nahm einen Stock und lief auf den Acker, ihnen zu wehren; aber die heilige Magd hieß es stille sein, denn sie hörte unfern ein Glöckchen lauten und frug, was das bedeute? Das Magdlein sprach: „Man lautet zur Messe.“ Da nahm Gottliebe ein Stäbchen von der Erde und beschwur die Krähen, in eine nahe offene Scheune zu fliegen und dort zu bleiben, bis sie die Messe gehört habe. Die Vögel gehorchten ihr zur Stelle, so daß sie in Ruhe in die Kapelle zur Messe gehen konnte.
Unterdeß lief das Mägdlein, erstaunt ob des Wunders, nach Hause und erzählte Alles Bertolf und der Alten, welche grade zusammen Rath hielten, wie sie die fromme Magd weiter quälen sollten. Als die Alte das hörte, sprang sie vor Wuth hoch auf und schrie: „Das ist gelogen, schweige!“ Das Mädchen aber sprach: „Nein, es ist nicht gelogen, ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen.“ Da schrie die Alte: „Dann ist es Zauberei von ihr.“ Bertolf war zuerst gar erstaunt, doch als die Alte von Zauberei sprach, wurde er wieder anderen Sinnes. Das arge Weib aber fuhr fort: „Sie treibt es mit dem Teufel und darum rathe ich dir, sie keinen Schritt mehr aus dem Hause thun zu lassen, denn sie würde anders die Leute mit ihren Kunsten an sich ziehen. Damit man dir aber nichts Böses nachſage, sende zwei Diener und ein Mädchen zu ihr und laß ihr sagen, du wolltest nicht haben, daß sie allein und ohne Begleitung ausgehe. Hast du sie wieder hier im Schloſſe, dann kannst du mit ihr machen, was du willst; setze sie dann bei Wasser und Brot in die Kammer, dann hat sie Zeit, über ihre Kunste zu ſinnen. Sende aber nur Acca_und Lambrecht zu ihr in die Kirche, das sind getreue Diener. Bertolf war dies zufrieden, die Alte entbot die beiden Knechte und Bertolf sprach zu ihnen: „Meine Frau sikt zu Sniphaten in der Kapelle; gehet hin und holet sie. Wenn Leute in der Gegend sind, die das sehen, dann thuet ehrfürchtig und demüthig gegen sie; habt ihr sie aber allein, dann möget ihr sie beschimpfen, so viel euch beliebt. Wenn sie hier ist, schließet sie in ihre Kammer und treibet nebst den andern Dienstleuten allen Spott mit ihr, aber nur, so lange ihr allein mit ihr seid.„ Wie er es geboten hatte, so geschah es. Gottliebe lag noch im Gebete in der Kapelle, als die beiden Knechte dahin kamen. Da viele Leute in der Kirche waren, beugten und neigten die Knechte sich viel vor ihr und thaten so unterwürfig, daß ein Ieder sagte: „Sehet nur, mit wie viel Liebe Herr Bertolf seine Frau behandeln läßt.“
Als sie aber mit ihr auf dem Felde allein waren, da verhöhnten sie die fromme Magd. Sie trug dies Alles ganz geduldig und sprach kein Wort. In dem Schlosse angekommen, warfen sie sie in eine Kammer und begannen von neuem sie mit Schimpfreden zu überladen und zu lästern. Solches wiederholten sie jedesmal, wenn sie ihr die wenige Speise brachten, die Bertolfs Mutter ihr noch vergonnte. Gottliebe schwieg und litt, ohne daß ein Wort der Klage ihr aus dem Munde gekommen wäre; im Gegentheil, sie freute sich ihres Leidens und dankte Gott dafür. Wie wenig Brot die fromme Magd nun auch empfing, theilte sie dasselbe doch noch mit den Armen. Die Dienstleute der Burg, welche das sahen, trugen groß Mitleid mit ihr und durch diese verbreitete sich bald in der Gegend das Gerücht von ihrem großen und unverdienten Leiden und sie wurde von viel frommen Personen besucht und getröstet. Bertolf war inzwischen lange Zeit herumgereist, denn er hatte doch auf der Burg nur Unlust. Als er endlich zurückkehrte und hörte, daß Gottliebe noch nicht von Hunger und Elend unterlegen war, fluchte er und schwur vor Zorn. Die beiden Diener bliesen seine Wuth noch mehr an durch eine Menge von Lügen, welche sie von ihr erzählten. Er hielt mit seiner Mutter Rath, und sie beschlossen, Gottlieben fürder nur die Hälfte der Speise zu geben, die sie bis jetzt empfangen. Dabei ließen sie ihr drohen, dieselbe noch mehr zu mindern, wenn sie ferner etwas weggäbe, und schärsten den Knechten allerlei ein, wie sie die fromme Jungfrau noch mehr quälen müßten. Das konnten Viele nicht länger ansehen und sie gaben Gottlieben den Rath, von dem Schlosse zu fliehen und heimlich zu ihren Eltern zurückzukehren. Sie überlegte das lange und reiflich und beschloß endlich, dem Rathe zu folgen. Alsdann theilte sie ihr Vorhaben dem Mägdlein mit, welches sie zu dem Acker begleitet hatte, und begab sich auf die Flucht und sie ging so lange, bis sie zu Longfort ankam. Was da für Leidwesen war, das kann man sich leicht vorstellen, denn Gottliebe war so abgemagert und so verändert und trug so schlechte Kleider, daß Keiner aus dem Schlosse sie wiedererkannte. Nachdem sie erzählt hatte, wie sehr boswillig man mit ihr verfahren war, entbrannte Hemfried in großem Zorne und er hielt alsbald Rath mit seinen Freunden, was zu thun sei. Diese sprachen, er müsse seine Klagen dem Grafen von Flandern vorlegen.
Hemfried zögerte nicht lange damit und machte sich auf den Weg. Der Graf von Flandern war nicht wenig verwundert und betrübt solches zu hören; er sprach zu Hemfried: „Höret, lieber Freund Hemfried. Weil die Ehe eines der sieben Sacramente ist, so geht die Sache vorerst die Geistlichkeit an. Gehet also zu dem Bischof von Noyon und traget dem eure Klage vor. Steht der euch nicht bei, dann, das schwore ich euch bei meiner Ritterschaft, dann werde ich mich also ins Mittel legen, daß es Bertolf gereuen soll.“ Hemfried bedankte sich für die Antwort und machte sich auf den Weg zu dem Bischof von Noyon. Dieser versprach ihm sogleich seinen Beistand. Zu der Zeit war namlich der bischöfliche Stuhl von Dornyk offen gefallen, darum konnte der Bischof von Noyon das mit Recht. Diese zwei hohen Herren schrieben nun an Bertolf einen Brief, worin sie ihm befahlen und unter Androhung harter weltlicher Strafen und des Bannes der heiligen Kirche ihm auftrugen, seine Frau Gottliebe alsbald wieder nach Hause zu holen und mit ihr friedlich und einig zu leben, wie es christlichen Eheleuten geziemt.
Bertolf war gleich nach Gottliebens Flucht wieder zu Pferde gesessen und ritt hier und da im Lande rund, log allerhand über die fromme Magd und lief zu Zauberern und Wahrsagern, um von denen Rath und Hülfe zu erhalten. Als er zurückkehrte nach Ghistel und man ihm den Brief des Bischofs vorlas, da lachte er laut auf und spottete damit, wollte gar die Boten zwingen, den Brief aufzuessen, doch da kamen andere Boten mit dem Briefe des Grafen von Flandern. Als er nun hörte, wie dieser ihm drohte, ihn von Haus und Hof zu jagen und an Leib und Leben zu strafen, da kam er in Furcht und Angst und wußte lange nicht, was er machen sollte. Endlich nahm er seine Zuflucht zu seinen zwei bösen Knechten, Acca und Lambrecht, und bat die, ihm mit Rath und That an die Hand zu gehen. Diese sprachen: „Wollet ihr uns die Sache überlassen, wir werden es schon machen.“ Bertolf frug: „Wie wollet ihr denn dabei zu Werke gehen? „Sie sprachen: „Lasset uns morgen früh zu Pferde sitzen und gen Longfort reiten. Da wollen wir thun, als wußtet ihr noch nichts von den Briefen des Grafen und des Bischofs, sagen, es sei euch von Herzen leid, daß ihr so hart gegen Gott: liebe gewesen und, auf ihre Gute rechnend, sie um Verzeihung bätet für Alles, was ihr gegen sie verbrochen. Ihr bätet sie, doch wieder nach Hause zu kommen, und versprachet, fürder mit ihr so friedlich zu leben, daß sie nie mehr Ursache finden werde, über euch zu klagen. Habet ihr sie wieder hier, dann ist dem Grafen und dem Bischofe der Mund gestopft und ihr könnt dann doch mit ihr machen, was ihr wollt.“ Bertolf war des Rathes froh und sandte die beiden Bösewichte gleich am folgenden Morgen gen Longfort, wo sie so wohl zu heucheln und so schon zu sprechen wußten, daß Hemfried versöhnt wurde und Gottliebe den beiden Dienern willig wieder nach Hause folgte. Bertolf ging ihr eine Strecke Wegs entgegen und empfing sie sehr freundlich und minnesam. Als sie zu Ghistel ankam, ging sie wieder still in ihr Kämmerchen und da brachte man ihr Essen und Trinken wie früher, ließ ihr übrigens frei, zu sprechen und zu thun, was sie wollte.
Bertolf sah sie jedoch nur selten und wenn er einmal ihr begegnete, dann sprach er nur rauhe und rohe Worte gegen sie. Es dauerte nicht lange und ein Jeder wußte, daß Bertolf trotz des guten Empfanges, mit welchem er Gottliebe wieder eingeholt hatte, doch der Alte geblieben war und daß er die fromme Magd nicht viel besser hielt, als zuvor. Das ärgerte viele seiner Freunde und sie gaben ihm darüber manch bittern Verweis. Dies brachte ihn noch mehr gegen Gottliebe auf und er sann nun nach, wie er sich ihrer entschlagen möchte; denn er fürchtete überdies auch nicht wenig, daß der Graf von Flandern wieder davon höre, wie er Gottliebe behandele, und ihn dann hart darum angehen werde. Er nahm seine Zuflucht zu Acca und Lambrecht und trug denen seine Gedanken vor; die Bösewichte bestärkten ihn nur noch mehr darin und er kam mit ihnen dahin überein, daß sie Gottliebe mit einem Tuche erwürgen (damit man nicht die Spuren eines Strickes sehe) und sie dann mit dem Kopfe so lange unters Wasser halten sollten, bis sie kein Zeichen von Leben mehr gäbe. Dann sollten sie die heilige Magd auf ihr Bett legen und ein Jeder könne nicht anders denken, als daß sie eines natürlichen Todes gestorben wäre.
Alsbald, nachdem sie diesen greulichen Anschlag gemacht hatten, ging Bertolf mit freundlicher und lachender Miene zu Gottliebe und sprach: „meine aberliebste Frau, ich habe große Reue, daß ich also sehr hart gegen euch war. Ich kam heute Morgen zu einer ehrbaren Frau und die hat mir so eindringlich in das Gewissen geredet, daß ich beschlossen habe, meine Grausamkeit gegen euch also zu bessern, daß man ewig davon sprechen soll. Ich bitte euch, sprechet doch einmal mit ihr, sie wird euch mehr sagen, als ich euch sagen kann.“ Und mit den Worten nahm er Gottliebe in den Arm und zog sie neben sich auf seinen Stuhl, faßte auch ihre Hand und trachtete auf alle Weise der frommen Magd Zeichen seiner Liebe und Reue zu geben. Der Mord und Verrath, welcher aber in seinem Herzen wohnte, ließ ihn nicht ganz ruhig sein und das Zittern und Beben seiner Hände schien Gottlieben ein Zeugniß, daß er nichts Gutes gegen sie im Sinne habe. Dann fuhr er fort: „Vergonnet, mein vielliebes Weib, daß die Frau heute Nacht zu euch komme. Bei Tage will sie das nicht, denn sie fürchtet, daß ihre guten Werke vor der Welt offenbar werden.“ Gottliebe sprach: „Ich thue mit Freuden nach eurem Willen, wenn die Frau nur nicht mit Zauberkünften umgeht.“ Bertolf erwiderte: „Nein, was sie thut, das thut sie durch den heiligen Geist. Sie ist so fromm und ihre Rede so kraftig, daß selbst Acca und Lambrecht zur Buße gebracht hat; diese werden heute Nacht mit ihr kommen, um euch auch um Verzeihung zu bitten. Als nun Gottliebe in Alles einwilligte, da küßte er sie mit seinem Judasmunde und sprach weiter: „Eins nur thut mir leid, nämlich, daß ich heute Nachmittag noch nach Brügge reisen muß und zwar in einer sehr wichtigen Angelegenheit. Ich habe aber der Frau Alles bekannt und gesagt und ihr könnet mich also wol entbehren.“ Darauf ließ er sein Pferd bringen, saß auf und nahm mit freundlichem Lächeln Abschied von Gottliebe, welche ihn dem Schuße Gottes und der heiligen Engel befahl.
Zuerst ritt er zu den zwei Bösewichtern und gab diesen im Voraus eine Hand voll Pfennige, gelobte ihnen noch viel mehr, wenn sie ihre Sache wohl ausrichteten, dann zog er weiter gen Brügge hin. Gottliebe hatte den ganzen Tag inbrünstig gebetet und sich in Gottes heiligen Willen befohlen. Als die bestimmte Stunde nun nahte, da klopften Acca und Lambrecht an ihre Thür. Sie frug: „ Wer klopft da? „ 399 Die Bösewichter sprachen: „Frau, wir sind es, eure Knechte; wir bringen euch die heilige Frau, von der unser Herr euch gesprochen. “ Solches sprachen sie unter vielen Seufzern, gleichwie wenn sie beschämt wären und reuig ihrer Missethaten wegen. „Stehet um des lieben Gottes willen auf,“ fuhren sie fort, „die Frau erwartet uns am Thore. Kleidet euch nicht lange, sondern kommt barhaupt und barfuß, denn es ist ein gottselig Werk, was ihr verrichtet.“ Da machte Gottliebe das heilige Kreuzzeichen über sich, befahl sich nochmals in Gottes Barmherzigkeit und folgte ihnen gutwillig, wie ein Lammlein, welches zur Schlachtbank geführt wird. Kaum war sie aber am Thor, als die Henkersknechte ihr das Tuch um den Hals warfen und an den beiden Enden so stark zogen, daß sie nicht um Hülfe rufen konnte; dann schmissen sie die heilige Magd zu Boden und stießen und traten sie so lange mit Füßen, bis sie keinen Athem mehr aus ihrem Munde gehen sahen. Endlich trugen sie die Martyrin zu einem nahen Bronn und hielten sie mit dem Haupte ins Wasser, bis sie ihre fromme Seele ganz ausgehaucht hatte. Nun wuschen sie ihr den Hals, rieben die Zeichen aus, welche das Tuch gemacht hatte und brachten sie in ihr Bette zurück, wo sie sie fleißig zudeckten, so daß man nicht anders meinte, als sie hätte geschlafen.
Es geschahen aber gleich nach ihrem Tode schon viel große Wunderzeichen. Die Erde, worauf sie erwürgt worden war, verwandelte sich durch Gottes Zulassung in einen schönen weißen Stein, zum Zeichen ihrer unbefleckten Reinheit. Das Blut, welches in ihren Hals gekommen und in das Wasser aus demselben gelaufen war, wurde gleicherweise in weißen Kalkstein verwandelt und der Bronn selbst erhielt von da ab Wunderkraft. Auch hörten alle Umwohnenden in der Stunde ihrer Marter einen lieblichen Sang; das waren die Engel, welche die heilige Magd gen Himmel trugen. Als Gottliebe nun am andern Morgen gegen ihre Gewohnheit lange im Bette blieb und es schon Mittag wurde, ohne daß man sie aus ihrer Kammer kommen sah, traten die Dienstleute endlich zu ihrem Lager und trachteten, sie zu wecken; doch sie bewegte sich nicht und Alle erkannten, daß sie verschieden war. Darob erhob sich großer Jammer in der Burg und als die Mähr zu den Landleuten kam, welche in der Gegend der Burg wohnten, da liefen Alle mit Thränen und Trauern herbei und klagten um ihren Tod, Bertolf wußte bald von Gottliebens Tode, eilte nach Ghistel und heuchelte da eine große Betrübniß, ließ auch die heilige Leiche mit viel Gepränge in der Kirche begraben. Auch während des Begräbnisses ereigneten sich verschiedene Wunder; so sahen Einige, wie eine Flamme vom Himmel her auf die Todtenlade sank. Andere, welche Erde von dem Grabe mit sich genommen hatten, um sie an einer verborgenen und reinen Stelle zu bewahren, fanden diese Erde nach wenigen Tagen in kostbares Edelgestein verwandelt. Ebenso mehrte sich das Korn, woraus man die Brote backen wollte, welche für Gottliebens Seelenruhe an die Armen ausgetheilt wurden, dergestalt, daß es über die Scheffel lief und als man es zur Mühle senden wollte, fand man es schon in schönes Mehl verwandelt.
Nicht lange nachher hatte Bertolf schon eine andere Frau; von dieser gewann er ein Töchterlein, welches blind zur Welt kam und auch bis zum neunten Jahre blind blieb. Dies Magdlein hörte häufig, wenn es zu den Leuten kam, wie die unter dem Daumen sagten, Gott habe es blind lassen geboren werden, um Bertolf dadurch für seine Grausamkeit gegen Gottliebe zu strafen. 401 Das nahm es sich zu Herzen, ging und betete am Grabe Gottliebens und erlangte sein Gesicht. Der Ruf von dem Wunder verbreitete sich bald; keiner war aber mehr davon getroffen, als Bertolf, der von da ab begann in sich zu gehen. In seiner Reue über seinen treulosen und schändlichen Handel wurde er noch mehr bestärkt nach dem Tode seiner zweiten Frau, welche bald starb, nachdem sein Tochterchen sehend geworden war. Er hatte namlich eines Tages Leinwand gekauft, um sich davon Hemden machen zu lassen, und sandte einen seiner Diener damit nach Ghistel zu einer Nähfrau. Als der Diener halbwegs war und an einen Scheideweg kam, da wo jekt ein Kreuz steht zwischen Ghistel und dem Kloster, fand er unter einem Baume eine schöne Jungfrau in weißen Kleidern siken, die hatte neben sich an den Sonnenstrahlen ein paar Handschuhe hängen. Der Diener blieb verwundert stehen; die Jungfrau aber frug ihn, wohin er ging? Er sprach: „Ich trage die Leinwand nach Ghistel, wo man daraus Hemden macht für meinen Herrn.„ Die Jungfrau sprach: „Gib mir die Leinwand, ich will die Hemden für deinen Herrn schon machen. Ich kenne ihn wohl und darum kann ich das besser als ein Anderes. Gehe nur kühn nach Hause zurück und sage ihm, was du gesehen und gehört hast. Ist er nicht zufrieden, dann komme zuruck, du wirst mich noch hier finden.“ Der Knecht konnte ihr das nicht wohl abschlagen, denn sie schien ihm zu ehrbar, er ließ ihr also die Leinwand und kehrte nach Hause zurück.
Als Bertolf ihn so schnell wiederkommen sah, fuhr er ihn an, wo er mit der Leinwand geblieben wäre? Der Knecht erzählte Alles, doch Bertolf sprach: „Gehe alsbald und hole die Leinwand zurück, und bringst du sie nicht, dann sollst du es entgelten.“ Der Knecht lief bangen Herzens zurück zu dem Baume, wo die Jungfrau noch saß und fleißig nähte. Er sprach beschämt zu ihr: „Jungfrau, mein Herr war bose, daß ich euch, die ich nicht kenne, die Leinwand ließ, und er befahl mir, ich müsse sie wieder holen.“ Darauf erwiderte die schöne Magd: „Sei nicht besorgt, deine Leinwand ist schon genäht und die Hemden sind gefaltet und bereit für deinen Herrn. Hier nimm sie und bringe sie ihm.“ Da stand der Knecht stumm; endlich frug er die Jungfrau um ihren Namen, damit er den seinem Herrn melden könne, doch sie sprach: „Darnach frage nicht; wenn du ihm aber die Hemden bringst, laß ihn die Falten sehen, vielleicht erinnert er sich dann gewisser Dinge und auch meiner. Sage ihm dabei, ich trage stets Sorge für sein Wohlergehn und wenn er etwas von mir begehre, dann werde ich ihm zeigen, wie sehr ich ihm zugethan sei.“ Der Knecht versprach ihr alles auszurichten, grüßte sie ehrerbietig und brachte die Hemden seinem Herrn. Als aber Bertolf die Falten sah, da rief er erschrocken: „das sind die Falten meiner Frau Gottliebe!“ und mit den Worten lief er dem Baume zu, unter welchem die Jungfrau gesessen, aber er fand Niemand dort.
Von da ab begann er große und strenge Buße für seine Sunden zu thun; er zog nach Jerusalem zum Streite gegen die Türken und Heiden und kämpfte da manches Jahr. Diese Venderung seines bösen Sinnes war Niemand mehr willkommen, als seiner Tochter. Während er im heiligen Lande war, baute sie ein Kloster zu Ehren der heiligen Magd. Auf der Rückkehr von Ierusalem ging Bertolf zuerst nach Rom, wo er dem Papst seine Sunden beichtete und Ablaß bekam; dann nach Winnocksbergen, eine Meile von Dunkirchen, wo er im Kloster die Kutte nahm und Monch wurde. Nach seinem Tode fand man ein Wappenhemd auf seinem blosen Leibe und die Ringe waren ihm in's Fleisch gewachsen. Damit haben ihn die Mönche in einen bleiernen Sarg gelegt und begraben.
Einige Zeit nach Gottliebens Tode sandte der Abt von Sankt Andreas bei Brügge einen gottesfürchtigen Mönch Namens Drogo als Pfarrer nach Ghistel. Als der nun so viel von den Tugenden Gottliebens erzählen hörte, schrieb er das auf, auch alle Wunder, die sich mit ihr zugetragen, und sandte alles zu dem Bischofe Radbodus von Noyon. Dieser versicherte sich von der Wahrheit der Sachen und als man ihm alles ebenso erzählte wie dem Mönche Drogo, trug er es zum Papste, der Gottliebe zu einer Heiligen machte. Mit dem Blute Gottliebens, welches in Gestalt eines weißen Kalksteines in dem Bronn liegt, haben sich lange nachher noch wunderbare Dinge zugetragen. Dieser wurde alle Jahre aus dem Brúnnlein genommen und gewaschen und das Wasser, womit man ihn wusch, wurde jedesmal blutroth. Einmal meinte ein Priester, der ihn waschen sollte, der weiße Stein könne doch kein Blut sein, und er durchſtach ihn mit einer Pfrieme, doch da lief so viel Blut heraus, als ob man einen Ochsen gez schlachtet hatte. Ein andermal gab man dem Brünnlein den Stein nicht gleich nach der Säuberung zurück; da begann der Brunn zu stinken, daß es kein Mensch dabei aushalten konnte; als man aber den Kalkstein wieder hineinlegte, wurde das Wasser wieder süß und gut.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
