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Die weiße Frau
Auf einem gewissen Schloss ließ sich die weiße Frau häufig sehen. Unter den Schildwachen war auch ein gottloser Soldat, der stets schändliche Lästerworte ausrief, wenn bei Nacht die Erscheinung sich zeigte. Zu verschiedenen Malen ermahnte man ihn, dies nicht zu tun und sich davon zu enthalten, damit ihm nicht einmal ein Unglück überkomme, doch vergebens. Der Wein, den er täglich im Übermaß trank, machte ihn immer vermessener und tollkühner. Er fluchte und schalt wie ein Rasender.
Einst sprach ihm einer seiner Gesellen zu, dass er doch aufhöre und die Furcht Gottes und christliche Bescheidenheit nicht so ganz und gar hintansetzte. Darauf aber lachte er und schritt recht auf die weiße Frau zu und sprach: »Seht, ich will sie in den Arm nehmen und küssen.« Er umfing sie auch, sie aber umfing ihn hinwieder aus Dankbarkeit so, dass er tot zu Boden fiel.
Quellen:
- Johannes Wilhelm Wolf, Deutsche Märchen und Sagen, Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
