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sagen:deutschemaerchenundsagen136

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Zwei Geister

Eine Frau in Kortryk war gar kühnen Mutes, doch nicht frevelhaft, wie es der Leute so viele gibt. Ihr Mann dagegen war ein wüster Mensch, der mit allem spottete. Eines Samstags kam die Frau spät nach Hause und der Mann gedachte sich einen Spaß zu machen und sie zu erschrecken. Er hing am Ende ein weißes Tuch um und wartete beim Kreuz auf dem Kirchhof, wo die Frau vorbei musste. Nach zehn Uhr kam die Frau mit ihrer Nachbarin und der Mann richtete sich mit dem weißen Tuch auf und blieb so ruhig stehen.

»Ei, sieh doch«, sprach die Nachbarin, »da steht ein Geist.«

»Lass ihn stehen«, sprach die Frau, »und uns ein Vaterunser für ihn beten.«

»Um Gottes willen!«, rief die Nachbarin, als sie einige Schritte weiter waren, »da ist noch einer und jetzt sehe ich ihrer zwei!«

Die Frau gab aber keine Antwort und betete. Der Mann hatte das Letzte gehört und ein Schauder lief ihm durch Mark und Bein, doch wollte er sich von der Sache überzeugen, ehe er sich auf die Flucht begäbe. Er drehte darum den Kopf ein wenig und sah ein Gerippe im Leichentuch neben sich. Da verließ ihn sein Mut und er rannte, so schnell er konnte, den Frauen nach, die erschreckt auch liefen und die Haustür hinter sich schlossen.

»Frau, mach auf!«, schrie der Mann, »ich bin es!«

Aber die Frau machte nicht auf und er fiel vor Schreck und Angst in Ohnmacht, aus der er erst am anderen Morgen erwachte.

Quellen:


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