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Der Freistein (nach L. E. Degen)

Im Weichbild des Dorfes Echtz lag noch vor wenigen Jahrzehnten ein gewaltiger Stein. Die Leute nannten ihn den Freistein. Wenn man den Erzählungen früherer Geschlechter glauben darf, dann reichte seine Bedeutung bis in die Zeit der Kelten zurück. Durch ihn fragte man die Götter nach der Schuld oder Unschuld solcher, die des Totschlags oder der Brandstiftung verdächtig waren. Wer die Glut des erhitzten Steines an den nackten Fußsohlen zu erdulden vermochte, ohne Schaden zu nehmen, durfte sich des uneingeschränkten Freispruchs erfreuen, und dem, der auf der Flucht vor den Häschern den Freistein erreichte, blieb die Rechtfertigung vor den Richtern erspart. Kein Geschworener wagte es, ihn schuldig zu erklären. „Die Götter sind auf seiner Seite„, so sagte man sich; „denn er hat den Freistein berührt!“

Auch als die Bewohner des Landes den christlichen Glauben annahmen, blieb die Ehrfurcht vor dem Freistein bewahrt und ein Ritter, der in der Nähe seine Burg erbaute, ließ mit Vorsicht Mauern und Gräben so ziehen, daß der Freistein seinen angestammten Platz behalten konnte. Ja, der Ritter sprach in feierlichem Schwur „der Freistein solle ewig Freistein bleiben. Nun lebte einmal auf jener Burg ein Ritter, der wegen seiner Leutseligkeit bei allen Untertanen in bestem Ansehen stand. Niemand wich ihm angstvoll aus, Knechte und Mägde empfanden die Arbeit nicht als Fron; denn allen war nach harter Arbeit die wohlverdiente Ruhe gegönnt. Aber zwischen Ritterstand und Bauernstand wusste der Ritter keine Brücke, und wenn er die Ritterehre verletzt fühlte, so kannte sein Zorn keine Grenzen. Eines Tages bot ein fremder Bursche dem Ritter seine Dienste an, und der Burgherr wies ihn nicht zurück. Der neue Diener erwies sich als sehr geschickt, fleißig und freundlich, so daß ihn sein Herr zum Leibdiener machte. Des Ritters Tochter aber, der die stille Artigkeit des Knaben wohlgefiel, war diesem besonders gewogen. Häufiger als andere Untergebene bedachte sie ihn mit lobenden Anerkennungen, zumal er die Liebe anderer Menschen entbehren mußte; denn er war ein Waisenknabe. Des fremden Burschen Ansehen beim Burgfräulein erregte aber den Neid der übrigen Dienerschaft, und der Küchenchef verdächtigte ihn schlimmer Absichten. Da verwies ihn der Ritter der Burg. Das Mädchen aber zog sich in seine Kammer zurück und vergoss Tränen des Mitleids.

Der so schmachvoll Verstoßene irrte durch die Lande. Das nie weichende Elend ließ ihn ständig an die glücklichen Tage denken, die er auf der Burg zu Echtz erlebt hatte. Nun hatte der raue Winter seine Herrschaft angetreten. Da betrat in einer mondhellen Nacht einer die Echtzer Gemarkung. Ganz unbeobachtet erreichte er die Burg und bestieg den Freistein, von wo er über die Burgmauer zum Fenster am Schlafgemach des Burgfräuleins schauen konnte. Da sang er aus wehmutiger Brust ein Lied von Gram und Herzeleid. Plötzlich flackerte in jenem Schlafgemach ein Kerzlein auf. Zum ersten Mal seit langer Zeit kam dem Sänger das Gefühl der Freude. Doch es sollte die Sterbekerze sein; denn aus einer anderen Fensternische krachte eine Donnerbüchse, und der Knabe sank entseelt zur Erde. Sein Blut benetzte den Freistein. Am anderen Morgen fand man die Leiche des ehemaligen Leibdieners. Das ganze Dorf und alle Bewohner der Burg zählten zu den Leidtragenden. Doch alle blieben der Bestattung fern, der Ritter aus Scharm, das Burgfräulein aus Angst vor des Vaters Groll und alle anderen aus Furcht, die Missbilligung des Burgherrn erfahren zu müssen. Manche Reden gingen von Mund zu Mund: „Er ist am Freistein getötet worden! Gott stehe uns bei!„

Von nun ab war das Leben auf der Burg unerträglich geworden. Das Burgfräulein erwirkte vom Vater die Erlaubnis, den Schleier zu nehmen, das Personal lief davon, und der Burgherr zu Echtz verfiel immer mehr der Schwermut und zuletzt dem Wahnsinn. Eines Nachts ging der Ritter zum Freistein. Den wollte er in den Burggraben wälzen in der Hoffnung, damit des Fluches ledig zu sein. Wie er sich so dagegen stemmte, rutschte er aus und versank in der Tiefe des Wassers.

Die Burg zu Echtz wurde seit dieser Zeit von den Menschen gemieden. Die Burg zerfiel. Nach Jahrhunderten waren alle Spuren verwischt bis auf den Burgraben, an dessen Rand der Freistein lag, und auch der Burggraben wäre längs! verschwunden gewesen, hätten nicht die Bauersleute eine ständige Fahrt durchgeleitet. Der Freistein lag noch zu unserer Väter Zeiten am Rande des Hohlweges, und als dieser eingeebnet wurde, da wagte niemand, den Stein zu wälzen. Man grub unter ihm das Erdreich fort, so daß er von selbst in den Abgrund stürzte.

Quelle: Heinrich Hoffmann, Zur Volkskunde des Jülicher Landes, Zweiter Teil: Sagen aus dem Indegebiet; Aus den Heimatblättern der Dürener Zeitung


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