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Wie Rübezahl sein Testament macht

Zu einer Zeit, da eben Jahrmarkt in einem benachbarten Städtlein war, bekam Rübezahl Lust, einen Krämer zu spielen, und fuhr gleichwie die andern Krämer seinen Kasten auf einem Schubkarren zu Markt. Bei seiner Ankunft ging er gleich in ein Wirthshaus und sprach den Wirth um ein eigenes Kämmerlein an, damit die Habseligkeiten, welche er bei sich führe, recht sicher sein möchten. Als er nun zwei Tage in dem Wirthshaus zugebracht hatte, stellte sich Rübezahl plötzlich krank, ließ Wirth und Wirthin zu sich kommen, gab ihnen den Schlüssel zu seinem Kasten und gestattete ihnen, die Sachen, welche darin lagen, zu beschauen, wo sie denn mit großer Verwunderung eine Menge Gold und Silber, Schaustücke, Löffel und Becher, nebst prächtigen seidenen Stoffen zu Gesicht bekamen. Als Rübezahl sah, daß ihnen diese Kostbarkeiten so wohl gefielen, sprach er: „Ich spüre deutlich, daß ich es hier nicht lange mehr machen werde und daß die Stunde meines Scheidens gekommen ist. Da ich nun auf der ganzen Welt weder Weib noch Kind, weder Freunde noch Anverwandte habe, so ist mein einziger Kummer, wie ich ansehnlich möchte bestattet werden.“ Der Wirth, welcher ein Schelm durch und durch war, meinte, das sei die beste Gelegenheit zu einer guten Erbschaft zu kommen. Also erwiderte er: „Wenn Ihr mir etwas von eurer Habe zukommen lasset, so will ich Sorge tragen, daß Ihr ein schönes Begräbniß erhaltet.“ „Gut, gut“, versehte der Kranke, „nun will ich mit Freuden sterben!“ Darauf hieß er den Wirth aus dem Kasten eine Rolle von 50 Dukaten nehmen, die obenauf lag, und das Begräbniß davon bestellen. Und kaum hatte der Wirth den Kasten wieder zugeschlossen, so hub Rübezahl an zu schreien, sperrte den Mund weit auf, krähete wie ein Hahn und - war todt. Wirth und Wirthin erschraken und mußten zugleich lachen über ein so wunderliches Gebahren; als sie aber dicht an sein Bette traten, sahen sie, daß er wirklich verschieden war. Hierauf traf der Wirth alle Anstalten, um ihn auf das vornehmste beerdigen zu lassen. Wie nun der Sarg am Tage des Begräbnisses auf dem Kirchhofe in's Grab gesenkt werden sollte, hub der Todte plötzlich zu großer Ueberraschung an zu singen:

So last mich nun hier schlafen
und geht heim eure Straßen!

Wer weiß, werd' ich nicht früher aufstehn,
als die mit mir zu Grabe gehn!

Als solches die Todtengräber und die andern Leute, welche dabei waren, hörten, liefen sie über Hals und Kopf davon und zeigten es der Obrigkeit an, welche sofort den Sarg öffnen ließ, aber nichts darin fand als alte Knochen. Der Wirth dachte: was thut's! das Beste bekomm' ich doch, denn ich weiß, was ich gesehn habe! - Als er nun aber mit seinem Weibe den Kasten aufmachte, fand er statt Silber, Gold und Seide nur Hundsknochen und Sauborsten. Also hatte des Wirthes Freude gar bald ein Ende, wie dieses Büchlein.

Quelle: Hermann Kletke, Das Buch vom Rübezahl, Verlag von Trewendt & Granier, Breslau, 1852


sagen/buchruebezahl30.txt · Zuletzt geändert: von ewusch