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Wie Rübezahl einen groben Knecht zum Besten hat
Eines Bauern Knecht aus Warmbrunn fuhr einmal mit einem Wagen nach Hirschberg, um da Getreide zu holen. Als er unweit Hermsdorf kam, stand ein reisender Gesell am Wege, der bat, er sollte ihn ein wenig mitnehmen. Allein der Knecht sagte, er müßte eilen, daß er bei guter Zeit in die Stadt käm'. Da verwies ihm der Reisende seine Ungefälligkeit so derb, daß Jener dennoch still hielt, und ihn aufsitzen hieß. Nachdem sie eine Weile in starkem Trabe gefahren waren, begannen die Pferde immer langsamer zu gehn, so daß der Knecht nur in einem fort zu thun hatte, sie mit Schreien und Peitschen im Gang zu erhalten. Wie er aber in Kunersdorf durch den Zacken fahren will, bleiben die Pferde beim Ausgange des Wassers ganz und gar mit dem Wagen stehn und wollen nicht von der Stelle. Der Knecht wußte gar nicht, was er sich denken sollte, daß die Pferde durchaus nicht anzogen. Da lachte der Reisende und wollte ihm guten Rath geben, wie er es anfangen solle, um weiter zu kommen; aber der Knecht, welchen das Ding verdroß, entgegnete zornig: „Was versteht Ihr vom Fuhrwerk! Das muß ich besser wissen!“ Hierauf nahm er die Peitsche und wie er also tüchtig auf die Pferde loshieb, ging eines von ihnen mitten entzwei, so daß die Hälfte zur Erde fiel. Der Knecht erschrak, daß er vor Angst nicht wußte, was er anfangen sollte. Der Reisende aber sprang vom Wagen und verhöhnte ihn; „es geschäh' ihm“, sprach er, „schon recht für sein grobes Mundwerk!“ Ei, wie sein Bauer ihn loben werde, wenn er so zeitig auf den Markt komme!
Da nun der Knecht gar keinen Rath wußte und das Unglück einmal da war, ging er zum nächsten Bauer, erzählte ihm die seltsame Begebenheit und bat ihn um ein Pferd, daß er den Wagen nach der Stadt fahren könne. Der Bauer wollte sich die wunderliche Geschichte selbst mit ansehn; als er mit dem Knecht aber zum Wagen kam, siehe, da standen beide Pferde munter und gesund davor, und fehlte ihnen nichts als der Fuhrmann. Wer war nun froher als dieser! Nachdem er sich für die Dienstwilligkeit des Bauern bedankt hatte, fuhr er getrost gen Hirschberg. Als er nahe an das Langgassen-Thor kam, ward er seines Mitreisenden ansichtig, wollte dem sein Abentheuer erzählen und rief: „Heh, guter Freund, steht ein wenig still!“ Dieser that aber, als hörte er's nicht, und ging immer zum Thor hinein. Da fuhr der Knecht, der ihm mit unverwandten Augen nachsah und voller Eifer war ihn einzuholen, hart an das Thor an, daß die Achse zerbrach. Da lag er!
Quelle: Hermann Kletke, Das Buch vom Rübezahl, Verlag von Trewendt & Granier, Breslau, 1852
