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Wie Rübezahl das Vertrauen belohnt - 1. Sage
Einst reisten zwei Gesellen über das Gebirge, die eines Reisepfennigs sehr benötigt waren, ohne den sie nicht weiterzukommen wussten. Trübselig so dahin ziehend, sahen sie eine prächtige Karosse vorüberfahren, die von etlichen Pagen begleitet war. Sie schlossen daraus, dass ein vornehmer Herr darin sitze, der wohl für ihre Armut ein paar Pfennige im Beutel übrig habe, eilten hinzu und baten um einen Reisepfennig, dessen sie jetzo höchst bedürftig seien.
Als sie dies Begehren demütig vorgebracht hatten, sprang ein vornehmer Herr aus dem Wagen, schnitt mit seinem Messer aus dem in der Nähe befindlichen Gebüsch zwei Stöcke ab und überreichte ihnen dieselben mit den Worten: Damit sollten sie für diesmal vorliebnehmen; sie würden sich daran schon erholen und wieder auf die Beine kommen.
Die Gesellen nahmen die Stöcke und bedankten sich höflich, denn sie getrauten sich nicht, das Geschenk eines so vornehmen Herrn zurückzuweisen.
Hierauf stieg Rübezahl wieder in den Wagen und fuhr eilends davon.
Die beiden Wanderer humpelten langsam ihres Weges und schwatzten von ihren Stöcken und dem vornehmen Herrn, bis endlich einer von ihnen ganz verdrießlich zu dem andern sagte: »Ei was soll mir der Stock! Ein solcher Herr hätte uns was Besseres verehren sollen als ein Stück Holz, was ich mir selbst abschneiden konnte.« Damit warf er geringschätzig den Stock von sich.
Sein Gefährte tadelte ihn deshalb. »Ich wenigstens«, entgegnete er, »will den meinen behalten. Wer weiß denn, wozu er gut ist. Und wenn ich ihn auch nur zum Andenken aufbewahre, damit ich sagen kann, dass ihn ein vornehmer Herr mir selbst abgeschnitten und in die Hand gegeben hat.«
Unter solchen Reden kamen sie endlich über das Gebirge und gingen in die nächstgelegene Herberge. Als der Geselle nun, welcher seinen Stab behalten hatte, diesen betrachtete, siehe, da hatte sich der schlechte Stock in lauter gediegenes Gold verwandelt.
Wie das der andere sah, sprach er: »Halbpart, Bruder!«
Aber jener entgegnete: »Nein, Bruder! Warum hast du deinen Stock hochmütig weggeworfen?«
Da lief der Bursche, was er konnte, und gedachte seinen Stock wiederzufinden, aber nach langem Suchen musste er leer und trübselig zu seinem Gefährten zurückkehren.
Quelle: Hermann Kletke, Das Buch vom Rübezahl, Verlag von Trewendt & Granier, Breslau, 1852
