<<< vorherige Sage | Zwergsagen aus der Ober- und Niederlausitz | nächste Sage >>>
Die Vensmännel
Lange bevor Ostritz gebaut war, lebten daselbst die vensmännel. die vensmännel (feensmännel) sind ein kleines gutmüthiges völkchen, welches früher in dem sogenannten Venusberge (Feensberg, Feensmännelberg) wohnte.
Wenn die Ostritzer bier brauen wollten, borgten sie sich von den vensmänneln die braupfanne; wenn sie dieselbe nicht mehr brauchten, setzten sie dieselbe auf den steg, der über die Neiße führt, wo sie dann von jenen wieder abgeholt wurde, und legten jedesmal zum dank eine semmel hinein. als aber einmal jemand die semmel aus der pfanne genommen und dafür einen dreck hineingelegt hatte, hörte die nachbarliche freundschaft auf. doch blieben sie noch dort wohnen, bis in Ostritz die ersten glocken aufgezogen wurden. den ton der großen glocke aber konnten sie nimmer vertragen und wanderten aus, alle zusammen mit sack und pack und verließen den berg. ihren weg nahmen sie durch die altstadt von Ostritz von morgen nach abend1) und haben auf diesem zuge melkgelten2) auf dem kopfe gehabt statt der hüte.
Anmerkung. Noch zeigt man in Ostritz einen weg zwischen zwei häusern, den sie einschlugen. oft erwähnt man ihrer noch sprichwörtlich, wie daß man von einem sagt, der recht kurze kleider hat: ‚er geht wie ein feensmännel.
Quelle: Karl Haupt, Zwergsagen aus der Ober- und Niederlausitz, Verlag der Dieterichschen Buchhandlung Göttingen, 1859
