Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


sagen:265._die_unsichtbare_gast

<< Der spukende Graf | Niederlausitzer Volkssagen | Eine unerklärliche Last wird durch Fluchen leicht >>

Der unsichtbare Gast

  Von Frau Nickel in Caaso. 
  Schriftlich durch Lehrer Becker in Luckau

In Ögeln war einmal ein Knecht, der hieß der alte Janke. Der that jedermann gern einen Gefallen, wenn er nachher auch nur ein Gläschen Schnaps bekam. Einmal war er in Weltho in der Schenke. Der Wirt sprach zu ihm : „Geh' und hol mir mein Mehl von der Mühle in Ögeln; ich will dir nachher auch einen Schnaps geben!“

Da nahm der alte Janke die Karre1), fuhr nach der Mühle, lud das Mehl auf und machte sich auf den Rückweg. Als er den Mühlberg hinunterfuhr, rief jemand hinter ihm: „Ich komme auch mit!“ Janke hielt an und sah sich um, aber er sah niemand. Er fuhr weiter. Da war das Mehl aber so schwer, daß er die Karre kaum erschieben konnte. Der Schweiß perlte ihm in hellen Tropfen von der Stirn. Er mußte ruhen und zog dabei seine Jacke aus und legte sie auf das Karrleiterchen. Da rief es: „Dann setz' ich mich hierher!“

Als Janke weiterfuhr, war die Last noch viel schwerer geworden; er konnte kaum noch vorwärts. Endlich kam er an einen Kreuzweg. Hier wurde die Karre mit einem Male leicht, und ruhig konnte Janke jetzt nach Weltho fahren.

Quelle: Niederlausitzer Volkssagen vornehmlich aus dem Stadt- und Landkreis Guben, gesammelt und zusammengestellt von Karl Gander, Berlin, Deutsche Schriftsteller-Genossenschaft, 1894


1)
Volkstümlich: die Karre
sagen/265._die_unsichtbare_gast.txt · Zuletzt geändert: von 127.0.0.1