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Der Jülchen Abschied

  Mündlich von Ausgedinger Schulz in Steinsdorf

Bei Bauers in Steinsdorf haben früher die Jülchen, die kleinen Menschen, gewohnt. Es waren nur ihrer zwei, ein Mann und ein Weib. Sie hielten sich in der Küche unter dem Feuerungsloche des Kessels auf. Oft, wenn die Arbeit drängte, gingen Bauers Leute auch am Vormittage alle hinaus aufs Feld. Mittags lief dann die Frau nach Hause, um schnell das Essen zu kochen. Wenn sie heim kam, fand sie dasselbe aber schon fertig auf dem Tische.

Als die Hausfrau eines Tages wieder auf dem Acker beim Flachswieten half, dachte sie: Du wirst heute doch einmal zeitiger aufbrechen; vielleicht kannst du die Jülchen überraschen und zu sehen friegen! Dies glückte ihr aber nicht, obgleich das Essen noch heiß war, so daß sie eben damit fertig geworden sein mußten.

Am folgenden Mittage ging sie indes noch früher nach Hause, und es gelang ihr, die Jülchen gerade zu ertappen, als sie Schüsseln und Teller auf den Tisch setzten. Sie liefen zwar schnell davon, aber sie hatte doch gesehen, daß ihnen die Kleider ganz „schunkelig“ (zerrissen) am Leibe herunterhingen. Es that der Wirtin leid, daß die kleinen Leute so zerrissen gehen mußten, und sie ließ ihnen beim Schneider neue Sachen machen und legte sie ihnen hin.

Als sie aber am Mittage des nächsten Tages wieder vom Felde kam, standen die beiden Jülchen im Hausflur1) und weinten um die Wette. Erschrocken fragte die Frau, was ihnen denn zu Leide gethan worden sei. Da wiesen sie auf die neuen Sachen und sagten, das wäre ihr Abschied, nun müßten sie fort. Die Wirtin bat nun, so sehr sie konnte, sie möchten doch bleiben; aber sie erklärten, das könnten sie nicht, und sie gingen dann weinend davon.

Quelle: Niederlausitzer Volkssagen vornehmlich aus dem Stadt- und Landkreis Guben, gesammelt und zusammengestellt von Karl Gander, Berlin, Deutsche Schriftsteller-Genossenschaft, 1894


1)
Volkstümlich: der Haußflur
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