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maerchen:wendischesvolksthum43

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Der Furchtlose

Es war einmal ein starker Junge, der wusste nicht, was Furcht war. Da sagte ihm jemand bei einem Schullehrer, der irgendwo wohnte, könnte er es lernen. Denn wenn da einer im Kirchthurm läuten thäte, scheuchte (spukte) es sehr. So ging er hin und der Lehrer schickte ihn zum Läuten. Am ersten Morgen war grosser Lärm in der Kirche; grüne »Kerle« waren da, schoben Kegel mit Menschenköpfen und hatten Menschenbeine als Kegel. Und kullerten so lange, bis die Stunde vorbei war. Dann wollten sie weg, doch er liess sie nicht fort. »Ich habe mein ganzes Geld bei Euch verspielt, ich lasse Euch nicht heraus«. Da griffen sie ihm an den Arm und sagten: »Hier hast Du eine Schippe, und grabe Dir Dein Geld heraus«. Dann grub er und holte einen grossen Kasten Geld heraus. Den trug er zum Lehrer, und der sagte: »Wir wollen uns das Geld theilen«. Aber der Junge wollte nichts haben. »Ich habe keine Furcht gelernt, ich mag nichts haben«. So schickte der Lehrer die Hälfte des Geldes an des Furchtlosen Vater.

Und der Junge reiste in ein anderes Land, um Furcht zu »lernen« und fragte überall, wo er sie lernen könnte. So schickten ihn die Leute in ein verwünschtes Schloss, worin es niemand aushalten konnte; da sollte er wachen. Er kriegte ein Licht und nahm ein altes Gebetbuch mit. Da kamen in der zwölften Stunde vier schwarze Kerle, die sagten: »Was hast Du hier zu suchen?« – »Was habt Ihr hier zu suchen? Ich war eher hier wie Ihr«. In der zweiten Nacht ging er wieder ins Schloss. Mehrere Kerle kamen und wollten ihn fortjagen. Doch er liess sich nichts sagen, fing an sich mit ihnen zu »keilen« (prügeln) und schlug sie alle ab, weil er ein eisernes Grabkreuz bei sich hatte. In der dritten Nacht kamen zwölf schwarze Kerle, die sagten: »Was willst Du hier?« – »Ich war eher wie Ihr hier und habe mehr Recht«. Die fingen an sich mit ihm zu prügeln und er »schlug« alle »ab«.

Wie die Stunde vorbei war, waren alle verschwunden. Dann wurde in der Esse1) ein grosser Sturm und wie er nach dem Lärm sah, fand er einen halbgeräucherten Menschen. Den packte er an und sagte: »Gut, dass Du hier bist, aber schade! bloss eine Hälfte, wär' die andere hier, wären wir zwei«. Nach einer Weile wurde wieder grosser Sturm in der Esse, und als er nachsah, fand er die andere Hälfte vom Kerl, stellte beide Hälften zusammen und sagte: »Gut so, nun werden wir bald zwei sein«. Bald darauf fing der Getrocknete (Geräucherte) an sich zu bewegen und zu sprechen, denn er war da verwünscht gewesen. Nun war der Furchtlose fröhlich. Das ganze Schloss und Geld wurden sein, weil er den Verwünschten erlöst hatte. Er sollte da bleiben, wollte aber nicht, weil er keine Furcht gelernt hatte.

So ging er weiter und kam zum Nachbarschloss. Und der Nachbarkönig wollte ihn da behalten, weil er das andere Schloss erlöst hatte. Doch der Furchtlose wollte nicht, weil er noch keine Furcht gelernt hatte. Aber sie baten2) ihn so lange, dass er das Freudenfest mitfeierte, bis er blieb. Dabei kamen auf den Tisch zwei verdeckte Schüsseln, wie noch in Schleife die Sitte ist bei Hochzeiten3). Und er war neugierig, hob sie auf und hielt sich die Schüsseln vor die Nase. Da flog ein Sperling heraus und ihm gegen das Gesicht, so dass er vor Schreck die Schüsseln fallen liess. Dann blieb er da, weil er Furcht gelernt hatte. S.

Quelle: Schulenburg, Willibald von: Wendisches Volksthum in Sage, Brauch und Sitte. Berlin: Nicolai, 1882, S. 25-26.


1)
Feueresse, Rauchfang, hugeń.
2)
Wendisch: bettelten, denn pŕosyć ist mehr bitten im Sinne von: betteln.
3)
Eine Hochzeit dort dauert zwei Tage. Am ersten Tage findet die Trauung und dann das Hochzeitsmahl im Hochzeitshause statt. Darnach gehen die Hochzeitsleute zu Tanze in die Schenke, tanzen die ganze Nacht hindurch und gehen am folgenden, dem zweiten Hochzeitstage, wiederum zum Schmause nach dem Hochzeitshause. Wenn sie dann vom Tanze zurückkommen, nehmen die družka's (Brautjungfern) der Braut den linken Schuh weg und verstecken ihn. Dann müssen die Junggesellen (von der Hochzeitsgesellschaft) ihn suchen und so lange sitzt die Braut ohne den Schuh bei Tische. Haben sie ihn schliesslich gefunden, so geben sie ihn nicht eher wieder heraus, bis sie von den družki eine Schüssel mit Aepfeln bekommen. Dabei werden aber zwei Schüsseln mit je einer anderen verdeckt, und in die eine Aepfel, in die andere ein lebendiges Thier, eine Katze, ein Kaninchen oder dergl. gethan. Dann müssen die zagolce rathen, in welcher die Aepfel sind. Decken sie nun die falsche Schüssel auf, so springt vor ihnen das Thier heraus und das erregt grosse Heiterkeit.
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