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Janko und Marika
Es war ein Vater, der hatte zwei Kinder, die hiessen Janko und Marika1). Und die Mutter war gestorben und es ging ihm schlecht und konnte sein Brot nicht mehr verdienen. Da ging er in den Wald, wollte Holz holen und nahm die Kinder mit, um sie in die Irre zu führen. Es war am heiligen Abend2) und er hatte die Kjanica3) mitgenommen. Die hängte er an einer Kiefer4) an und sagte zu den Kindern: »So lange die Kianiza am Baume klopft, so lange sollt ihr auf mich warten«. Weil aber der Wind ging, klopfte die Kianiza immerfort und die Kinder dachten, der Vater wäre noch im Walde. Aber es wurde Abend und er kam nicht.
Allein Janko war klug und hatte schon zu Hause gemerkt, dass der Vater sie in die Irre führen wollte. Darum hatte er einen Sack voll kleiner Steinchen mitgenommen. Und wie der Vater sie in den Wald führte, liess er ein Steinchen nach dem andern fallen, immer auf den Fusssteig, wo sie gingen. Weil nun heller Mondschein war und die Kianiza immer klopfte, denn der Wind blies5) immerfort, machten sie sich auf den Weg, konnten die Steinchen sehen und kamen glücklich nach Hause.
Und den nächsten Tag führte der Vater sie in den Wald und die Kinder wussten, dass er sie in die Irre führte. Aber Janko hatte nicht Zeit gehabt, Steine zu sammeln und hatte nur eine Brotschnitte mitgenommen. Von der liess er hier und da ein Krümchen fallen, um nach ihnen wie nach den Steinen wieder den Heimweg zu treffen. Aber die Vögel hatten die Krümchen verzehrt und sie konnten nicht wieder nach Hause finden. So irrten sie umher, kamen immer tiefer in einen grossen Wald und trafen zuletzt ein Haus, das war mit Gold und Prezeln6) gedeckt; da gingen sie hinein. Und es kam ihnen eine alte Frau entgegen mit einer Nase, die bis auf die Erde »langte«. Da erschraken die Kinder und erzählten, wie alles gewesen war, und die Alte freute sich, dass sie so schöne Braten hatte.
Und die alte Hexe sperrte die Kinder in einen Stall, denn sie wollte sie mästen. Weil aber Marika gar so schön und klug war, war sie ihr zum Schlachten zu Schade und sie nahm sie als Köchin in's Haus, und Marika musste Janko das Essen in den Stall tragen. Und ab und zu sah die Alte selbst nach, ob Janko schon fett wäre, dann musste er ihr den Finger zeigen. Aber Marika hatte ihm gerathen, er sollte immer ein Stückchen Holz vorzeigen. Da wurde die Alte sehr böse, dass er nicht fett wurde. In der kommenden Woche nun wollte sie Brot backen, mochte Janko fett sein oder nicht, denn sie hatte Begehren nach frischem Brot. Die Brote waren fertig und Marika sollte sie in den Backofen schieben. Aber sie bat die Alte, sie möchte ihr es zeigen, weil sie es nicht wüsste, und die Alte zeigte ihr, wie man Brote in den Backofen schiebt. Allein Marika war nicht zufrieden und wollte es noch richtiger sehen. Da setzte sich die alte Hexe selbst auf den Brotschieber7) und Marika schob sie in den Backofen hinein, dass sie drinnen verbrannte.
Nun war auch Janko erlöst und beide Kinder wollten wieder nach Hause, aber sie konnten nicht durch einen grossen Fluss hindurch, der da im Walde war. Da sass ein goldener Vogel auf dem Dache, der hat gesungen: »Immer durch den Fluss, immer durch den Fluss, pŕez tu wódu musyćo durich. Und der Fluss war mit Eis bedeckt, sie gingen hinüber und kamen auch glücklich nach Hause. Von der Hexe hatten sie viel Geld mitgenommen und so wurde ihr Vater ein reicher Mann.
Inzwischen waren viele Jahre vergangen, seitdem sie verschwunden. Sie waren grossjährig geworden, der Vater hatte sich abermals verheirathet und hatte wieder zwei Kinder, die auch Janko und Marika hiessen und vier und sechs Jahre alt waren. Aber die Noth war noch grösser als zuvor, der Vater konnte ihnen ebenso wenig Brod als den ersten schaffen, darum führte er sie wie jene in den Wald; von alledem wussten die ersten Kinder nichts. Es war wieder am heiligen Abende8), Janko und Marika wurden nach Pilzen geschickt und die gab es doch nicht. Lange irrten sie im Walde umher, endlich sahen sie ein Licht.
Zu Hause hatte die Mutter dem kleinen Janko immer erzählt, dass ein Vater im Himmel lebe, und Janko hatte gefragt: »Wo ist der Vater im Himmel?« und die Mutter hatte gesagt: »Wo der Himmel eine Ende hat«. Wie sie so im Walde umhergeirrt, hatten sie das besprochen, und wie sie nun das Licht sahen, glaubten sie, der Himmel wäre da. Wie sie nun näher gingen, sahen sie ein Häuschen und das Licht war der Wiederschein von einem Christbaum. Und davon hatten sie auch von der Mutter gehört, dass dann der Himmel auf die Erde kommt. Darum gingen sie in das Häuschen hinein und dachten, sie wären im Himmel. Und der alte Doctor, der im Häuschen wohnte, nahm sie sehr freundlich auf und seine Frau war sehr glücklich über die Kinder und sie zogen sie auf bei sich. Janko selbst wurde Doctor und als er grossjährig war, lernte noch ein anderer bei seinem Stiefvater Doctor.
Zu der Zeit nun bekam Janko's Mutter, zu Hause, den Krebs9) und alle Aerzte hatten vergeblich ihr Heil versucht. Da kam auch die Rede von dem berühmten Doctor, nämlich Janko, zu ihr, und sie machte sich auf zu ihm hin. Und Janko erkannte seine Mutter, pflegte sie aufs beste und gab ihr die Gesundheit wieder. Und es reute sie sehr, dass sie einst die Kinder verstossen hatten und sie bestimmte dem Janko ihr ganzes Vermögen.
Quelle: Schulenburg, Willibald von: Wendisches Volksthum in Sage, Brauch und Sitte. Berlin: Nicolai, 1882, S. 15-17.
