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capitel:vorbemerkungenhauptzwergsagen

Zwergsagen aus der Ober- und Niederlausitz | nächste Sage >>>

Vorbemerkung

Nachstehende sagen handeln von zwergen, unter denen mir aber zwei verschiedene geschlechter, bergbewohner und waldbewohner begegnen. obgleich sie mit einander innerlich verwandt sind und ineinander übergehen, so ist doch zwischen beiden ein characteristischer unterschied. die berggeister (querxe, heinchen, feensmännel, ludki) erscheinen fast stets als corporation, als volk, massenhaft wie das gestein des gebirges dem sie vorzugsweise angehören; die waldgeister (holz- und buschmännlein und weiblein) mehr als individuen, angemessen der waldnatur, dem individualisirenden pflanzenreiche. jene sind fast nur männlichen geschlechts, diese theils männlich theils weiblich; jene nur gutmüthig, diese unter umständen auch boshaft und rachsüchtig. der schauplatz der querxsage ist die gebirgige Oberlausitz, vorzüglich die romantische gegend um Zittau. den mittelpunkt für die buschweiblein etc. bildet die wald- und hügelreiche gegend um Königshain bei Görlitz. diese letztere gegend ist vorzüglich merkwürdig wegen ihres reichthums an alten heidnischen opfersteinen und grabhügeln und, was bisher noch unbeachtet geblieben, an sagen und alterthümlichen volksgebräuchen.

Insbesondere klingen die zwergensagen wie ein an den bergen verhallender, in den wäldern dahinrauschender wehmüthiger abschiedsruf des gerade in der Oberlausitz nur langsam und sehr nach und nach verdrängten heidenthums, das in diesem von jeher politisch unselbständigen und unbedeutenden, von der geschichte fast vergessenen Winkelgau sich ungleich länger fristen konnte als in den übrigen östlichen marken des deutschen reichs.

In der nördlichen ebene sodann, die immer mehr und mehr slavische elemente der Bevölkerung aufweist, finden wir nur hie und da, wo es heidnische grabhügel in besonderer menge giebt, die heinchen der Deutschen und die ludki der Wenden. im übrigen finden wir in der nördlichen slavisch bevölkerten ebene keine unsrem deutschen zwerge entsprechende mythologische figur, der deutschgemüthliche, neckischzutrauliche, humoristischwehmüthige zwerg verkrüppelt – soweit er männlichen geschlechts ist – zu dem vorherrschend boshaften kobolde, der in die häuser kriecht, oder er wächst hoch auf zu der weiblich schönen, aber unheimlichen und dämonischen gestalt einer am brütenden mittage über die ebene schreitenden Unglücksgöttin.

Quelle: Karl Haupt, Zwergsagen aus der Ober- und Niederlausitz, Verlag der Dieterichschen Buchhandlung Göttingen, 1859

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