Volkssagen aus dem Riesengebirge | weiter >>>
Rübezahl, der Herr des Gebirges - Einleitung
Es war einmal ein Mann, der hieß Bumban. Wenn einer aber Bumban heißt, so ist er ein bekannter Mann in ganz Deutschland, und wenn er etwas erzählt, so glaubt es alle Welt und tut wohl daran, denn wenn man etwas glaubt, so hat man doch immer mehr, als wenn man nichts glaubt.
Bumban hieß also der Mann und wohnte hoch oben im Riesengebirge in einer Winterbaude, und war in Freundschaft mit dem Baudenmann, der zu dem ihn auf dem Totenbett tröstenden Pfarrer sagte: »Su is dos orma Norrla gesturba! Schaut, lieber Gottsknecht, ha werd ju nich biesa sein, weil ma ei dam wilda Geberga nischt erfährt, doß ich ni uf sei Begrabniß geganga bi.«
Also von dem war er in Freundschaft, vonseiten der Mutter her. Er trieb bloß die Viehzucht, und seine Herde weidete den Sommer hindurch auf dem Hochgebirge. Er selber kam nur hinab in die bewohntere Welt, wenn er seine Butter zum Verkauf hinabtrug. Er war im Gebirge geboren, und seine Baude hatten seine Voreltern schon länger als Menschengedenken innegehabt. Denn geschrieben war darüber nichts, da niemand schreiben und lesen konnte, und alles, was die Leute wussten, war mündliche Überlieferung. So war es aber auch mit den Sagen und Märchen, die im Gebirge umlaufen, und waren diese die einzige Unterhaltung, welche die armen Baudenbewohner in halbjähriger Winternacht, von Schneemassen überdeckt, untereinander haben konnten. Da pflanzt sich auch die Erzählung eines unbedeutenden Umstandes fort, und wird letzten Endes zum merkwürdigen Ereignis.
So war Bumban vertraut worden mit den Erzählungen und Märchen, die Rübezahl angingen. Da er sie seit seiner Jugend von den seinen und von anderen Baudenbewohnern der entgegengesetzten Länder gehört hatte, so waren sie seinem Gedächtnis treu geblieben bis in die siebziger Jahre, in denen er, aber noch in Kraft und Munterkeit, eben stand.
»Liebe Leute«, sagte dann Bumban, wenn jemand zu ihm kam, »lacht nicht über die Märchen, die wir erzählen, denn sie waren zu einer Zeit, wo es hier keine Schulen und keine Bücher gab, die Lehrmeister der Menschen. Bald wird darin das Gute belohnt, bald das Böse bestraft, und werden dummen Leuten allerlei gute Lehren gegeben, die im Leben und im Umgang mit den Menschen wohl zu gebrauchen sind. Nun hier bei uns im Gebirge, liebe Leute, geschieht das alles durch Rübezahl, den Herrn des Gebirges, und mag aus Furcht vor ihm gar manches Böse unterblieben und um ihn zu gewinnen, manches Gute geschehen sein.«
Die Märchen mit ihren guten Lehren gingen nun von Mund zu Mund und pflanzten sich von den Alten auf die Jungen fort. Und wenn man nur recht acht gibt, so kann man auch aus albernen Märchen eine gute Lehre ziehen.
Wenn Bumban auf dieses Kapitel kam und freundliche gemütliche Menschen fand, die gern hören mochten, wie die Alten sich in ihren Märchen unterhalten und belehrt hatten, so erzählte er auch gern, und so erfuhr man dann von ihm die folgenden Märchen, so gut, wie sie der Kräuterklauber erfahren hat, der sie auch eben erzählen wird. Der aber hat nur das hinzugetan, was Rübezahl bisweilen noch in unseren Tagen getan hat.
