<<< zurück | Sagen meiner Heimat - der Niederlausitz | weiter >>>
Meine Entdeckung der Sagen
Wir wohnten bei den Großeltern auf dem Dorf in der Lausitz. Und was konnte es für mich als Lausejungen schöneres geben, als bis in den Abend hinein mit den anderen Jungen Fußball, Räuber und Gendarm zu spielen oder im Winter in den kleinen Bergen um den Ort herum im Schnee zu toben. Es war herrlich für uns Kinder. Nur ein Problem hatte ich. Wir wohnten auf dem Weinberg, außerhalb des Dorfes und ca. 250 m vom nächsten Haus entfernt. Ab und zu musste ich abends ins Dorf hinunter und noch etwas für die Eltern erledigen oder besorgen. Und das war damals, als ich noch ein kleiner Junge war, mein größtes Problem. Mir wurde immer Angst und Bange, wenn ich Abends noch vom Weinberg hinunter in das Dorf musste. Es war tagsüber ein ganz normaler sandiger Weg. Man konnte so richtig barfuß darauf los laufen. (Wer darf das heute noch von den Kindern?) Aber am Abend, wenn es dann schon dunkelte, war das natürlich ganz etwas anderes. Denn der Ast, der am Tag vom Baum bedeutungslos herab hing, bekam im Dunkeln ein gar gespenstisches Aussehen und wurde meistens zu einem Phantasiegebilde meiner Ängstlichkeit.
Und dann gab es da noch ein paar Ältere, denen es sichtlichen Spaß bereitete, uns Jüngeren immer wieder zu erschrecken. Nicht ganz unschuldig daran war dann auch noch der Friedhof, an dem man immer wieder vorbei musste. Und nicht zu vergessen dieses große Loch neben der Straße, was ca. 10 Meter tief und knapp 100 Meter im Durchmesser war. Hier wurde vor Zeiten Lehm für die Ofensetzer gefördert. Irgend wann dann ging aber dieser Vorrat zu Ende. Und so blieb das Loch. Für uns Kinder eine herrliche Gelegenheit, im Winter mit dem Schlitten dort an den Abhängen, die inzwischen mit Birken bewachsen waren, hinunter zu rodeln. Und im Sommer wurde dort Verstecken gespielt. Wie schon erwähnt – bis zum Dunkel werden. Im übrigen taten die Erwachsenen auch nichts dafür, uns diese Ängste und Bangen zu nehmen. Ob es Ihnen wohl als Kinder ähnlich erging? Oder hatten sie weniger Probleme dadurch bei unserer Erziehung?
Und dann sah ich zum ersten mal diese kleinen, fliegenden Lichtlein.Diese kamen in den Sagen auch immer wieder als Irrlichter oder Irrwische vor. Also gab es sie doch wirklich? Wenn es nicht war wäre, wieso redeten dann damals die Leute so viel, von den Irrlichtern? Das Unglaublichste schließlich, was ich als Kind erlebte, war der kleine Zirkus, der einmal in unser Dorf kam. Und dort sah ich sie dann auch wahrhaftig vor mir. Die Lüttchen oder Lüttki, je nachRegion etwas anders genannt. Und es waren gleich eine ganze Familie von diesen Zwergen, die da durch unser Dorf marschierten. Also war es doch wahr, was man sich so erzählte? Erst sehr viel später erzählte mir mein Großvater, dass dies kleine Menschen, sogenannte Lilliputaner waren. Aber da spielte ich bereits Fußball bis in die Dunkelheit und machte mir nichts mehr daraus. Bald vergaß ich dann auch die Sagen und Märchen, die man sich so in unserer Region erzählte. Bis ich dann eines Tages auf die „Sagen, Anekdoten und Schnurren aus dem Kreis Luckau N/L“ stieß. Ich hatte bereits eigene Kinder und wurde durch diese Sagen wieder an meine Kindheit erinnert. Ich nahm sie mir vor und schrieb sie auf. Allmählich kamen mir auch wieder die Geschichten ins Gedächtnis, die mir mein Großvater vor mehreren Jahrzehnten erzählt hatte. Weitere Sagen kamen hinzu.
Und gern würde ich dazu beitragen wollen, diese Sagen, Schnurren und Geschichten zu erhalten und damit auch meinen eigenen Enkelkindern etwas aus längst vergangenen Zeiten nahe zu bringen. Denn gerade diese literarischen Kostbarkeiten sind doch etwas, was unbedingt den nächsten Generationen erhalten werden sollte. Am aufregendsten hören sich diese Geschichten und Sagen natürlich an, wenn draußen der Wind um das Haus weht und die Läden in den Angeln quietschen. Und dann sollte unbedingt ein Feuer im Ofen sein, dass eine wohlige Wärme und die richtige Stimmung zum Sagen lesen (oder vorlesen) erzeugt. Also dann: Lasst uns also die Geschichten und Sagen über die Lüttchen, Irrlichter und Bläks lauschen.
