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Aachens Sagen und Legenden | nächste Seite >>>

Vorwort

Wohl keine Stadt dürfte sich rühmen, einen so reichen Schatz an Sagen und Legenden zu besitzen, wie ihn die alte Kaiserstadt Aachen aufweiset. Wie könnte es auch anders sein? Sie war der Lieblingssitz Karls des Großen, in ihren Mauern erdachte er die Pläne zur Besiegung einer halben Welt, hier war es, wo die Gesandten der Könige aller Welttheile sich ihm mit Geschenken naheten und bald um Friede und Freundschaft baten, bald ihn als Schiedsrichter und Beschützer anriefen. Die Thaten seines Armes erweckten Staunen und Schrecken, die Macht seines Geistes erregte Bewunderung und Ehrfurcht, der Ruhm seines Namens erscholl durch alle Welt. Licht und Aufklärung gingen von seinem Throne aus, das Christenthum fand in ihm seinen tapfersten Vorfechter, seinen kühnsten und eifrigsten Verbreiter und Schirmherrn.

Ueberall errichtete er Kirchen und Schulen, gründete Bisthümer und Klöster und sorgte mit unablässigem Eifer für das geistige und leibliche Wohl seiner Unterthanen. Auch hierin zeichnete er Aachen vor andern Städten aus, hier erbaute er mit besonderer Liebe ein herrliches Münster, eine prächtige Pfalz, hier versammelte er die Gelehrten und Künstler um sich und gründete eine Akademie. Begabt mit den hervorragendsten Geistesanlagen und zugleich ausgerüstet mit riesiger Körperkraft schrack Karl vor den kühnsten und selbst den unglaublichsten Unternehmungen nie zurück. Sein Heldengeist erweckte Heldengeister, in des Kaisers Paladinen zeigte sich daher ein Heldengeschlecht, seines Führers und Herrn würdig und werth.

Wenn schon die Erscheinung und die Thaten eines solchen Mannes etwas ganz Ungewöhnliches und daher Wunderbares in sich selbst trugen, so mußte sich auch all sein Thun und Lassen im Munde des Volkes zum Unglaublichen und Fabelhaften ausprägen und bald Sage und Legende werden. Obgleich nun Aachen und seine Umgebungen den Schauplatz eines großen Theiles der Karls-Sagen bilden, so sah sich der Einheimische und Fremde bis jetzt vergebens nach einem Buche um, welches dieselben vereint enthalten hätte, obwohl die meisten derselben in einer Unzahl von Schriften, theils poetisch, theils prosaisch bearbeitet, zerstreut angetroffen werden. Diesem Mangel abzuhelfen, war zunächst die Veranlassung zu dieser Schrift.

Es würde zu weit führen, wollte ich alle Quellen aufzählen, aus welchen ich bei Abfassung dieser Arbeit schöpfte, ich verweise hier nur, mit Uebergehung der benutzten Kroniken und vieler ältern Schriften, welche nicht jedem zugänglich sind, auf Alfred Reumonts Aachener Liederkranz und Sagenwelt und dessen Rheinlands Sagen. In erstgenannter Schrift werden S. 124-147 in historisch-literarischen Nachweisungen die Quellen und früheren Bearbeiter der Sagen namhaft gemacht. Ferner erwähne ich: Vogts rheinische Geschichten und Sagen und die poetischen Bearbeitungen in Dr. Karl Simrocks Rheinsagen, endlich noch Wolfgang Menzels deutsche Dichtungen von der ältesten bis auf die neueste Zeit, dessen erste Lieferung mir während des Druckes dieser Bogen zuging und gerade den Sagenkreis Karls des Großen mit reicher Quellen-Angabe enthält.

Auch an Spuck- und Hexengeschichten, wie sie im Munde des Volkes noch in allen rheinischen Städten leben, fehlt es dem alten Aachen nicht. Die handlenden Personen sind dabei allwärts fast dieselben, nur sind sie den verschiedenen Gegenden und Oertlichkeiten mehr oder weniger angepaßt. Wer die jüngsthin erschienene, verdienstvolle Arbeit des Herrn Pfarrers J. H. Schmit: Sitten und Sagen des Eifler Volkes zur Hand nimmt, der wird im 2. Bande S. 15-22 unsere Hinzenmännchen wiederfinden und ebenda S. 46 und 47 eine ganz nahe Verwandte der Aachener Hexe Mobesin nicht verkennen. Eine große Anzahl unserer Sagen findet sich in meinen Gedichten in der Aachener Mundart bearbeitet und habe ich geglaubt, daß es für den Fremden keine unwillkommene Zugabe sein dürfte, wenn ich das eine und das andere dieser Gedichte als Probe des hiesigen Dialectes am Schlusse des Buches abdrucken ließe. Um der vorliegenden Schrift in Styl und Auffassung ein gleichmäßiges Gepräge zu geben, habe ich alle Sagen und Legenden neu bearbeitet. Dadurch wurde es mir denn auch möglich einzelne Irrthümer, welche sich in ältern Bearbeitungen finden, zu berichtigen.

Dem Wunsche vieler meiner Freunde entsprechend habe ich diese Arbeit unternommen, möchte die Ausführung ihren Beifall finden! Mir selbst gewährte sie eine angenehme Abspannung von ernstern Studien und lohnte mich mit manchen frohen Stunden.

Aachen, im Mai 1858. Quelle: Dr. Joseph Müller, „Aachens Sagen und Legenden“, Verlag J.A. Mayer Aachen 1858


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