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Krankheiten

1)

Will man erfahren, ob es mit einem Kranken besser werden wird, oder ob nicht, so soll man so viel Erde, als in eine grosse Schüssel hineingeht, um Mitternacht von einem frischen Grabe [auf dem Kirchhofe] nehmen und in eine Schüssel hineinthun, darnach in die Schüssel Gerste säen. Dann soll der Kranke alle Morgen das Waschwasser vom Gesichte auf die Schüssel fallen lassen, und das neun Tage lang. Wenn nun die Gerste in dieser Zeit gelb aufgeht, so hilft dem Kranken nichts mehr; geht sie aber grün auf, so wird es wieder besser mit ihm. Früh vor der Sonne soll dann nach neun Tagen der Kranke die Schüssel an einen Ort hintragen, wo er selbst nicht wieder hinkommt. Solche Schüsseln findet man daher manchmal in der Erde.

Bei der Buschmühle wurden einmal viele dergleichen [?] Schüsseln und Töpfe gefunden, auf dem Acker gegen Morgen von der Wiese, weil da niemand früher ging. Manche waren mit Harn (mokś) gefüllt und mit einem Teller zugedeckt. B.

Gegen die Pest pesta

soll man mit Wachholderbeeren [jałoweńc, Juniperus] räuchern.

Gegen die Auszehrung, habcerunga:

den Kranken vermessen, měriś. Dazu muss derselbe sich mit dem Gesichte nach unten auf den Fussboden hinlegen, die Arme geklaftert2). Dann soll man zuerst die Armlänge, von Knöchel [am Handgelenk] zu Knöchel messen, alsdann über Kreuz messen, vom Kopfe schräg bis zum rechten Fusse, und vom Kopfe schräg bis zum linken Fusse, und so dreimal messen »auf« abnehmenden Mond. B.

Hundefleisch psowe měso essen hilft etwas gegen die Auszehrung.

Gegen »Fieber« (zymnica kaltes Fieber, hica Hitze)

soll man

Gegen Brand, hogeń,

Gegen das rothe, fliegende Feuer, hogeń:

Gegen das »böse Wesen«,

die schwere Krankheit, śěška chórosć, sła chórosć (widlišća, zławěc Schleife). [Epilepsia, fallende Sucht], auch spinkanje, spinki bei Kindern, soll einer, der noch nicht das böse Wesen gesehen hat, einen Fensterflügel aus dem Stubenfenster herausnehmen, vor das Bett des Kranken treten, den Fensterflügel vor sich halten und durch denselben den Kranken ansehen. B.

Wenn ein Schwein geschlachtet wird, wird ein gewisser Knochen, der »Todtenknochen« (smertna głowa) herausgenommen. Diesen ganzen Knochen soll man zu Pulver stossen und dem Kinde gegen Krämpfe [padaca chórosć] mit Zuckerwasser eingeben, und zwar vom männlichen Schweine einem männlichen, vom weiblichen einem weiblichen Kinde. S.

Gegen die Gelbsucht žołśelizna,

Gegen Bleichsucht

7), die Blüthen von der weissen »Brenn-«Nessel [Lamium album], kochen und trinken. B.

Gegen Bilmann (weisser Staar)

hilft anfänglich: Tabackrauch in die Augen pusten; auch weisser Zucker, zu Pulver gestossen und ebenfalls in die Augen gepustet.

Wenn einem etwas in das Auge gekommen ist: einen Krebsstein [rakowe woko] nehmen und sich vor »Schlafengehen« in das Auge setzen. Der geht dann um das Auge herum und nimmt mit, was im Auge war, S.

Gegen Halsleiden:

Gegen Seitenstechen (Pleuritus)

Gegen die Mutterplage

Gegen den »Fluss« [Reissen, Ziehen, Rheuma]

Wenn einer unter Leuten den Anblick dostaće gekriegt hat

Gegen »Schreck« zlěkańe,

Gegen Heiserkeit źibaś, źibatosć, surowe (ja som źibaty) und Halsübel [namentlich Halsbräune]

Gegen Ohrensausen

Gegen schlechtes Hören, ryjne słyšańe [Surditas]

Gegen (angeschwollene) Mandeln, tłuste załze, kule na šyji

Gegen heftige Kreuzschmerzen (křica bóli)

Gegen Kopfschmerz, głowubólenje

Gegen Zahnschmerzen, zubybólenje

Wenn man nicht essen kann

Gegen Nasenbluten, nos křaweńe

Auf Schnittwunden

Gegen die Krätze, drapaw,

Wilowe zele

Gegen die »Franzosen«, francozaŕe [Syphilis]

Gegen Warzen, brodajce

Wenn einem Mädchen die »Regel« [menstrua] cas

(auch młody mjasec17) ) ausbleibt: eine »Handvoll« cerẃene buśańki pflücken, davon den dritten Theil nehmen und in einer Obertasse voll Wasser kochen. Davon soll das Mädchen des Morgens früh die eine Hälfte, abends die andere austrinken. Dann soll sie einen Tag warten. Wenn dann die Regel nicht gekommen ist, am dritten Tage den zweiten Theil der Handvoll c. buśańki kochen u.s.w. B.

Wenn Weiber ausser der cas (menstrua) grossen Blutverlust haben

Wenn Weibern die Regel ausbleibt

Sommersprossen, pěgi [Lentigo]

vergehen, wenn man das Gesicht mit »Paddenlaich«, žabiny nerk,18) bestreicht. G.-S.

Gegen Hühnerauge

kuŕeca riś19) [Callus] soll man einer ganz schwarzen Henne (Huhn) mit dem Finger dreimal in den A. (riś) hineinfassen, mit demselben Finger dreimal auf das Hühnerauge drücken und dreimal sagen: »Das helfe« u.s.w. Das soll man dreimal thun zur Zeit, wenn in der letzten Woche der Mond zum Abnehmen ist, jeden Monat einmal.

Kleine Kinder haben manchmal »Mitesser

20)«, rědne włosy [wörtlich: schöne Haare] oft viele Jahre hindurch, die auf Lenden, Leib, Kopf, hinter den Ohren, wie Borsten, šćeś, sich zeigen. Dagegen Buschkraut [Schreckkraut, Cirsium oleraceum Scop., auch Carduus crispus L. I, 227] přězlicka kochen und mit Hefen, droždźije, einen Teig, śěsto, daraus machen, diesen auf ein grosses weisses Tuch schmieren und darin das ganze Kind einwickeln. Dann kommen da, wo die rědne włosy sind, weisse kleine »Pupse« [pup Knospe] heraus. B.

Wenn einem die Haare ausfallen

Wenn man die Haare mit Milch wäscht, bleiben sie schwarz. B.

Wer rothe Haare hat, soll sie mit einem Bleikamme kämmen, dann werden sie schwärzer. B.

Gegen Trunksucht

Gegen Tollwuth

Gegen Hundebiss

»O heilig ist die Wunde,
O heilig ist die Stunde,
O heilig ist der Tag,
Wo die Wunde geschehen hat.
Das walte Gott«.

Und dann mit »Peruvial-Wunden-Oel-Balsam« bestreichen. B.

Gegen den Brand beim Vieh

Die waka Geschwür [am Halse, Kinnbacken, Leibe] beim Rindvieh

soll man verfluchen und sagen:

»Böses Gewächse, verflucht seist Du!
Und Du sollst nicht mehr gären
Und sollst nicht mehr schwären,
Bis die Mutter Maria
Wird den anderen Sohn gebären«

und sie dann mit Kienöl bestreichen.

Gegen die waka

Wenn eine Färse jałojca gekalbt (hoćeliła) hat und nicht Milch geben will:

Wenn bei den Kühen die Nachgeburt posledk, ta slěna [»das Letzte«] nicht abgehen will:

Quelle: Schulenburg, Willibald von: Wendisches Volksthum in Sage, Brauch und Sitte. Berlin: Nicolai, 1882, S. 98-105.


1)
»Chorosć přiźo z ekstrapóstom, polěpšota z wółkami, die Krankheit kommt mit Extrapost, die Besserung mit Ochsen.«
2)
Seitwärts ausgestreckt. Die ganze Breite derselben: eine Klafter [Mass].
3)
Auch unter Deutschen spricht man von »abgestorbenem« Schlüssel, Gesangbuch u.d. [d.h. von einem Verstorbenen]; bezeichnend für die volksthümliche Auffassung (auch des Alterthums), nicht mangelhafte deutsche Ausdrucksweise.
4)
Die Flachshechel dient zum Abstreifen der Flachsknoten und besteht aus einem Brettstück, durch welches eiserne Nägel geschlagen sind, welche auf der einen Seite des Brettes ihrer ganzen Länge nach hervorstehen. Durch die Nägel zieht man die Flachsbündchen.
5)
Anderswo: in ein Theerfass sehen.
6)
Ein Licht, das während des Segens in der Kirche gewesen ist.
7)
Wona ma běły cas, sie hat weisse Zeit [w. Fluss]. Sylow, Sylow.
8) , 9)
Vorgeschichtliches durchbohrtes Steinbeil (I, 270).
10)
Der Stein wird angefeilt, hufilony, und der Steinstaub getrunken.
11)
Kulka darum, weil sie wie ein Kloss (kulka) unter der Herzgrube drückt, [kulki Kartoffeln zwischen Spremberg. Muskau; knydle (deutsch Knödel = Kloss) Burg; knipele Schmogrow; knedly Werben; Zwahr knyle] u.s.w.
12)
Jauche, jucha, welche sich beim Rauchen im Pfeifenrohre bildet.
13)
Die ganze Reihe der Hirnflächen der Balken, welche sich in der Wand des Blockhauses kreuzen, heisst kicina; indessen auch die Ecke, welche sie bilden so genannt. I, 199. In: naša stara ńaboga u.s.w. auch als Schlussreim: ten dej po kicine górej lěsć (der soll in der Kizina d'rauf liegen).
14)
Unter Deutschen lehrt die Mutter dem Kinde: »Bei schwerem Schreck sollst Du gleich auspinkeln (scaś)« [Thiere, z.B. auch Fledermäuse, lassen vor Schreck ihr Wasser]. Spielen Kinder abends mit Feuer: »Spiel nicht mit Feuer, sonst pinkelst Du die Nacht ein«. Nach schwerem Schreck gleich auspissen, sonst kriegt man kalte Schiffe (Harn; schiffen). Der Schreck ist ein Uebel unter Deutschen wie Wenden, doch scheinen die Wenden mehr darunter zu leiden. Sehr oft hat er im Volke körperliche Uebel und Leiden zur Folge. So bekommen Wendinnen häufig vom Schreck Ausschläge am Munde und auf den Lippen. Ein mir bekannter Wende bekam das Nervenfieber vor Schreck und verlor das Gehör fast gänzlich. [I, 176 und 177.] I, 24. I, 214, 215. Ein Hund biss einem Jungen so in die Waden, dass alle Zähne im Fleische zu sehen waren. Ich sagte zur jammernden Mutter: »Der Biss kann schlimme Folgen haben, und die Schmerzen!« »To nic! ale ten zlěk, ten zlěk, ten bógi gólc jo krynuł, to možo hyšći šlim hordowaś. Ach, das nicht, aber der Schreck, der Schreck, den der arme Junge gekriegt hat, das kann noch sehr schlimm werden.« Am gebräuchlichsten unter den Wenden dreimal hinter (auch gegen) den auszuspucken, vor dem man sich erschrocken hat. – In der Apotheke: flüssiges Schreckmittel.
15)
Redensart: »Ja mam šy, pchy a drapawu, hyšći luźe grońe, až mam nerech, ich habe Läuse, Flöhe und Krätze, [und] noch, sagen die Leute, ich habe Schmutz.« – »Was besser ist, wie eine Laus, das trägt man mit nach Haus.« B. Wenn einer sich den Fuss erfroren hat, eine Frostbeule auf der Zehe entsteht und es einem immer so auf einer Stelle krümmt, so sagt man: »Ty maš tu wešku, Du hast das Läuschen.« Mancher hat schon mit Stecknadeln danach gestochen, weil ein Wurm darin sitzen soll. – »Der Fuss krümmt mir, ta noga mě swerbi.« S.
16)
Wenn einer weisse Hosen anhat und die Leinwand zieht (über den Beinen) solche Kreuze [Falten], so sagt man: »Ty maš wily nogach, Du hast Wile an den Beinen;« das soll äusserlich das Zeichen sein. Wenn die Haare zusammenkleben: »Ten ma wily na głowje, der hat Wile auf dem Kopfe«. Bohsdorf. Bei den Niederwenden der Wendehals [Jynx torquilla]: wilowa głowa; auch in Burg [wo ł = w] wilowa gesprochen. – Vergl. S. 43. Auch im Spreewalde wird eine [zweifelhaft: ob deutsche oder wendische] Geschichte von einem Pfarrer und Küster erzählt, welche sich nach einem gewissen Vorfall am Sonntag Morgen in der Kirche ein Erlebniss singend berichten. – Hantscho-Hano theilte mit: »Der Herr Mühlenmeister aus Tschelln wusste, aus alten Zeiten, dass W. eine Göttin des ganzen Wildes sei gewesen und S. Göttin des Grünen, nämlich sämmtlicher Pflanzen und Bäume.«
17)
D.h. Neumond, auch cerweny krał (wie im deutschen: rother König) genannt; »tak dłuyko ak kwiśo, so lange sie blüht (die Regel hat)«.
18)
Damit bezeichnet das Volk einen gewissen Schlamm [Pflanzen] im Wasser.
19)
Kura Henne. Manche nennen auch die Warze k. riś. Wenn die Haut z.B. an den Armen (in Folge rauher Witterung d.J.) aufspringt [schilpert], so dass aus der aufgesprungenen Haut die rothe Haut hervorsieht: »Bei Dir werden bald Kücken [kuretka, Hühnerchen] herauskommen,« weil »aus der aufgesprungenen Haut das Rothe wie aus den Eiern herauskuckt«. Reissen aber Finger, Hacken (pety) so auf, dass Risse entstehen, so sagt man z.B.: »Ja mam palcy, pěty spukane«. Ich habe einen Nietnagel: luźe mé gramuju (wörtlich: die Leute hassen mich).
20)
Unter Deutschen heissen sonst die comedones, welche in der Haut, namentlich auf der Nase vorkommen, »Mitesser«.
21)
Badak niederw. Distel, Schleife wóset.
22)
Wahrspruch der Trinker: »Paleńc piś.
Žeńsku biś,
Źiśi z hoknom chytaś«
oder statt des: źiśi u.s.w. »Šykno zalubiś.« »Schnaps trinken.
Die Frau schlagen (prügeln),
Die Kinder aus dem Fenster werfen.«
Oder: »Alles verschwören«. »Lubej piś, ako se daś biś, lieber trinken als sich schlagen lassen.« »Wele spiwaś, mało požeraś, gótujo suchu šyju, viel singen, wenig schlingen, macht einen trocknen Hals.« »Ja mam lubku z Grabenca, Ta ma flašku pałeńca, Ich habe ein Liebchen aus Finsterwalde, Die hat ein Fläschchen Schnaps.« – »Schon wieder ein Lied gesungen,
Da folgt ein Schnäpschen d'rauf:
In Polen und in Ungarn,
Da ist es sehr Gebrauch« u.s.w. –
»Ein neues Lied, ein neues Lied
Von dem versoffnen Kupferschmied,
Und wenn das Lied nicht weiter kann,
Dann fang ich wieder von vorne an.« –
»Habt Ihr nicht meinen Mann gesehen?
Das versoffne Luder?« –
Beim Zutrinken sagt der eine: »Ja was wiźim, ich sehe Euch« und trinkt das Gläschen (oder beide ihre) aus, dann sagt der zweite, das Gläschen erhebend: » Ja was słyšym, ich höre Euch«. – Allgemein war: Prost (prosit). – Wenn einer nieste, sagten die Alten mehr als jetzt: »Bog pomogaj, Gott helfe,« auch: »Prost«. B.
23)
Als Futter für die Maiwacken pflücken die Jungen rotwica, manche hüten sie im Garten darauf. Der »vergoldete« Wurm, der mehr Salbe hat, gilt 3, der schwarze 1 Pfennig.