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Sagenkreis des Werragrundes

Du grüner Strand, du heitrer Fluß, ich grüße
Euch beide, wandelnd durch des Thales Windung,
Vorbei an Stadt und Burg, an Teich und Wiese,
Mit wanderlustiger, fröhlicher Empfindung.
Mir zugesellt hat sich ein kundiges Mädchen,
Das freundlich Antwort giebt auf jede Frage;
Das mir erzählt von Dörfern, Schlöffern, Städtchen,
Bon Burgen, Klöstern - die lebendige Sage.
Selbander wandeln wir im Abendgolde,
Ihr Gang ift Silfentritt, ist flüchtiges Schweben.
Bisweilen spricht mit tiefem Ernst die Holde;
Doch weiß sie Scherz auch lächelnd einzuweben.
Ich lasse mich so gern von ihr begleiten,
Mich mühend, ihre Reden nachzustammeln.
Es ist ein harmlos heitres Weiterschreiten
Im Feld der Poesie, dieß Blumensammeln.

Das Werrathal bietet seiner ganzen Ausdehnung nach, vornehmlich aber, soweit es der nächstfolgende Sagenkreis umfaßt, von Meiningen bis Salzungen, nur 7 Stunden Weges, eine Menge landschaftlicher Reize im angenehmsten Wechsel, und eine fast ununterbrochene Kette geschichtlich interessanter Punkte dar, darunter nur allein 7 Burgen und Burgstätten, 4 Stätten ehemaliger Klöster mit zum Theil noch vorhandenen Gebäuden enthalten sind, die sämmtlich ihren Ursprung aus einer sehr frühen Zeit dadirten. Doch soll dieser heimathlichen Gegend hier kein Panegyrikus gehalten werden, vielleicht daß mancher Reisende sie mit doppelter Theilnahme anblickt, wenn sich der schöne jezt vorliegende Plan, mitten durch sie hin die rasche Pulsader lebhaften Völkerverkehrs, eine Eisenbahn zu führen, günstig und erfreulich verwirklicht. Im Vorwort zum 2ten Theil dieses Werkes, S. XXI, wie in der dem 3ten Theil vorgedruckten Abhandlung, S. 22, habe ich einen Grundzug des deutschen Volkscharakters nur flüchtig berührend erwähnt, die Neckelust; jetzt sehe ich mich an einem Gebiete anlangen, wo ich derselben vorzugsweise gedenken muß, um nicht mißverstanden oder mißdeutet zu werden. Ich habe von den sogenannten Wasunger Streichen zu reden.

Fast in jedem deutschen Lande und Ländchen giebt es eine Stadt oder ein Städtchen, auf das sich fort und fort die Wißfunken nachbarlicher Spottlust entladen, dem alle ersinnlichen Schwaben- und Lalenstreiche aufgebürdet und zugeschrieben werden, und sie müssen es eben leiden; kein Zauberer und keine Formel hebt den, übrigens harmlosen und unschädlichen Bann des Lächerlichen auf und nimmt diesen von ihnen.

Das Herzogthum Sachsen Meiningen ist seit dem Anfall Hildburghausens so glücklich, zwei dieser Städte zu besitzen, Wasungen und Ummerstadt, von deren Streichen die Nachbarschaft voll ist. Es würde schwierig sein, auf dem Wege der Geschichtforschung bis zum Quellenursprung solcher scherzhaften Gewohnheit zu wandern, die deutsche Spottlust ist nichts weniger als jung. Wir finden sie schon im Mittelalter zwischen Volksstämmen, (man denke an die Schwabenstreiche, an die Spottnamen der Schweizer etc.) zwischen Nachbargauen und Ortschaften. Jeder Ort jedoch, der solches über sich ergehen lassen muß, hat sich zu getrösten, daß es ihm im lieben Vaterlande nicht an Genossenschaft fehlt. Darüber belehrt unter Andern ein recht lesenswerther Aufsatz Professor Maßmanns unter der Aufschrift: Deutscher Scherz,1) darin der Verfasser sagt: „Die sonderliche Neckelust aber, oder wie das Volk dafür in reichlichen Ausdrücken zu sagen pflegt, dieses Aufziehen, Träßen, Stimmen, Hänseln, Hecheln, Helgen, Hienzen, Hüsneln, Heßeln, Uzen, Necksen, Mocken, Zären, Scheren, Fözeln, Fenzcheln, Facken, Faiken, Focken, Foppen, Schoppen, Schrauben, Laichen, Hudeln, Klemmen, Lummeln, Anstechen, Anzapfen, Anzupfen u. s. w. - herrscht überall, wo deutsche Zunge spricht, bei den verschiedensten deutschen Stämmen. etc.“

„Jeder Gau Deutschlands bewahrt in sich und überliefert von Kind zu Kindeskind eine Menge heitern Schimpfes und Scherzes von Stadt gegen Stadt, von Ort über Ort, besonders aber in Schwaben ist kein Flecken, der nicht den Nachbar neckte.“ 2)

„Welch reichgefüllter Spottkranz kann Abdera gegenüber dargetragen werden! Wer kennt nicht Polkwitz, Schöppenstädt, Krähwinkel, Borsheim, Teterow, Wesenberg, Hirschau, Wasungen, Heldburg, Ummerstadt, Amweiler, Trifels, Weilheim, Ahlen, Stockach, Bopfingen, Reutlingen, Volksheim, Beutelsbach, Ganslosen, Venlo, Mecheln, Düren, Mühlheim, Kasendors, Schilda und alle übrigen Schildbürger, Wizebürger und Lalenbürger mit ihrem Lehrmeister und Erzphilosophen Till Eulenspiegel.“ 2c.

Die Mehrzahl der den geannten Städten überall aufgebürdeten Hauptstreiche findet sich schon in einem alten deutschen Volksbuch gesammelt, das in verschiedenen Ausgaben in unendlicher Zahl vervielfältigt wurde:

Die Schildbürger.

Wunderseltsame, abendtheuerliche, unerhörte, und bißher unbeschriebene Geschichten und Thaten der obgemelten Schildbürger in Mesopotamia hinter Utopia gelegen. 2c. “3)

Von diesem Buche sagt Görres in seinem Werk, die deutschen Volksbücher: Das Ganze ist unendlich meisterhaft und vollendet in seiner Art, wie der Don Quirotte des Cervantes, immer in gleich trefflicher Haltung fortschwebend, und in dieser Haltung mit Virtuosität durchgeführt, was gerade bei komischen Werken am häufigsten fehlt. Der Witz, der durch das Werk durchschillert, ist köstliche, treffende Ironie.„ 2c. „Die seltssame, aberwitzige Klugheit, in der die Schildbürger charakterisirt erscheinen, ist durchaus reiner, höher, gediegener, als der Volkscharakter im Eulenspiegel.“

Alles dieses wohlbedenkend, wird die gute Stadt Wasungen es sich nicht zum Schimpf und Leid sein lassen, wenn ihre Streiche, die als scherzhafte Sagen in aller Munde leben, hier zum Theil im Druck erscheinen. Wenn aber ein und der andere, mit der Oertlichkeit und diesen Lokalneckereien mehr, als mit der Volksbuchliteratur vertrauter Leser hier die Mähren vermissen sollte, wie die Wasunger den Brunnen gegraben, dessen Tiefe ausmessen wollen, Einer an den Andern sich hängend, sich hineingelassen, und der Oberste, der alle gehalten, um besser halten zu können, zuvor einmal in die Hände spucken wollte, deshalb losgelassen, und nun alle hinuntergeplumpt,“ oder „wie die Wasunger das zum Rathhausbau bestimmte Bauholz mit großer Mühe den Berg herabgeschafft, der letzte Stamm aber ihrer Hand entglitten, und von sich selbst hinabgefahren, da sie denn darüber erstaunt, den Rath gefaßt und ausgeführt, alles Holz wieder zum Berg hinauf zu schaffen, damit es fein von selbst herunterlaufe;“ oder: „wie die Wasunger ihr Rathhaus ohne Fenster bauten, und hernach das Licht in Säcken hineintrugen,“ oder „wie sie einen Acker mit Salzkörnern besäet, in Hoffnung, daß es zu reichlicher Aernte, gleich anderem Korn, aufsprieße, auch wie die vier Rathsältesten den Flurwächter auf einer Hürde und auf ihren Schultern in den grünenden Salzacker trugen, damit er das Vieh herausjage, ohne der Saat zu schaden,“ oder: wie zu Wasungen beschlossen ward, das Gras, so auf der Stadtmauer wuchs, nicht ungenützt zu lassen, und man den Heerdochsen an einem Stricke um den Hals hinaufzog, wo die Leute, als der Ochse nothgedrungen die Zunge weit herausreckte, riefen: „Sätt! Sätt! Hä läckt schu dernach!“4) oder: „wie ein Mühlstein gegraben wurde, den man, wie damals das Holz, den Berg hinunter laufen ließ, Einer jedoch den Kopf in der Mitte durchstecken mußte, damit man gleich erführe, wohin der Stein gegangen,“ oder: „wie in herrannahenden bedrohlichen Kriegsläufen dort die Glocken in die (Schwallunger) Teiche versenkt worden, und man in den Kahn an dieser Stelle eine Kerbe machte, damit man sie fein wiederfände;“ so wisse dieser Leser, daß alle jetzt angeführten Streiche und viel andere mehr bereits im Schildbürger- oder Lalenbuch stehen, woraus sie auf fast alle oben genannten Orte übertragen worden, daher keiner derselben sich diese Spottmähren zur Präjudiz gereichen zu lassen braucht.

Auch andre, hier zum Theil aufgeführte, später nach- und angefabelte Lalenstreiche gelten nicht von Wasungen allein, sondern begegnen ebenfalls auch Anderorts, so die Mähr vom Galgen, darin in dem Ausspruch des weisen Rathes, wie sehr zum Lachen reizend er scheinbar auch klingt, jeder Verständige den gesunden und rechtspraktischen Sinn heraus hören wird. Im Uebrigen gebe ich mit Absicht nur einen Theil des bezüglich dieser Stoffe gesammelten Materials, das gänzlich unbenußt zu lassen, ich Bedenken trug, weil mir als Hauptzweck dieses Buches Erneuung und Auffrischung der Volkspoesie nach jeder Richtung hin und in allen ihren Eigenthümlichkeiten vorschwebt.

Quellen:

1)
Zeitspiegel von C. Spindler. 1831. Sechster Band.
2)
Es fehlt in Thüringen auch nicht daran, man denke an das Spottlied auf Friedrichrode und andere Orte. Besonders spottlustig aber sind, und auch hierin vor andern sich auszeichnend, die dialektverwandten Orte Ruhla, Steinbach, Brotterode und Schmalkalden, außerdem auch Gumpelstadt. Nicht minder zeichnet sich Sonneberg darin aus, nach dem bekannten Reim:
Wer von Steinheid kommt, und spürt keinen Wind,
Und von Steinach, und sieht kein Kind,
Und von Sonneberg ohne Spott,
Der ist ein Gesegneter von Gott.

und:

Wer durch Barchfeld kommt ungeschmissen,
Durch Wißelrode ungebissen,
Durch Gumpelstadt unausgelacht,
Der hat sein Sach recht brav gemacht.\\
3)
Mein Exemplar ist vom Jahr 1665. Görres führt eine Ausgabe von 1598 an.
4)
Seht, seht er leckt schon danach.