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Hoch und schroff aus dem freundlichen Hörselthal aufsteigend, kahl und unbebaut, als ruhe ein Fluch darauf, erhebt sich zwischen Eisenach und Gotha der Hörseelberg, von weitem anzusehen wie ein steinerner Sarg. In diesem Sarg ruht im zauberhaften Schlummer begraben bis zum jüngsten Tag eine mährchenhafte Wunderwelt. Mehr Sagen hat dieser eine Berg, als manches Land und viel ist von und über ihn in alten Büchern zu lesen. Hoch oben am Nordwestende des Berges an einer steilen Felswand und schwer zugänglich, geht eine Schlucht hinein, welche in der ganzen Umgegend das Hörseelloch genannt wird; oft hört man darin, und auch wenn man auf der Höhe darüber steht, ein dumpfes Braußen, wie unterirdischen Sturm, oder ein Rauschen, als stürze Wasser auf raschumschwingende Mühlräder. Ich selbst, da ich einsam auf dem Bergesrücken stand, die Felsenspalte suchte und sie nicht finden konnte, vernahm ein mächtiges Rauschen unter mir, wie fallende Wasser, stieg über schroffe Klippen hinab und stand vor der Berghöhle, ich wußte nicht wie. Vor alten Zeiten, so steht in den Thüringischen Chronikbüchern, ward dort jammernde Wehklage vernommen, lautes, zeterndes Geheul, zumal des Nachts, daß den Umwohnern grauste, und es ging die Sage, daß solches Geschrei von gemarterten Seelen herrühre, die dort in Höllenquaalen büßen müßten. Darum wurde der Berg Hör - Seelen - Berg genannt und später Hörseelberg, wie er noch heißt bis auf diese Stunde. Und wie die Alten glaubten, daß dort im Hörseelberg der Siz des Fegefeuers sei und seine Höhle eine Pforte der Hölle, daher auch jener Zauberschüler, den der Teufel von Wartburg führte, zu sehen, wie es um des eisernen Landgrafen Seele beschaffen sei, nicht weit zu fahren hatte, sondern bald zur Stelle war, so glaubten sie auch, daß in ihm das wilde Heer seinen Wohnsitz habe, das in den zwölf Nächten über Thüringens Wälder braußt. Zugleich war und ist auch der Hörseelberg, und kein anderer, jener Venusberg der alten Sagen, in dessen Schoos die Heidengöttin, Frau Venus, umgewandelt in eine Zauberfei, unterirdischen Hof hält, mit aller Lust und aller Pracht, wie es wenigstens denen vorkam, die sich hineinlocken ließen von füßen Liederstimmen und holdem Mädchenwinken. Was immer die Sinne erfreuen mochte, bot sich darin dar, weshalb auch aus weit entlegenen Landen mancher kam und dort hineinging. Heraus kam keiner wieder.
Noch immer wird der Hörseelberg von manchem Landbewohner seiner Umgegend Venusberg genannt, sind auch fast verklungen die alten Sagen von solchem zauberhaften Liebeshof. Ein sicheres Zeichen, daß dieser Thüringische Berg zufolge der Traditionen als der ächte und rechte Zauberberg bekannt und gemeint war. Auf lateinisch nannte man ihn Mons horrisonus, d. h. der schrecklichtönende, der schrecklichrauschende Berg. Lieblich zum Theil und zum Theil recht düster und grausenhaft klingen die Hörseelbergsagen; ihm, der von außen so öde, so unfruchtbar ist und so düster anzuschauen, verlich die Poesie der Frühzeit ein reiches , inneres Leben, in seinen Schoos barg sie Wunder und Geheimnisse, in seine Zaubertiefen stieg sie selbst hinab, als die Oberwelt ihrer nicht mehr recht achten wollte. Immer pulst und glüht noch im tiefen Schacht ihr klang- und liedervolles Herz, sie selbst ist Frau Venus, die ihren allmächtigen Liebesruf an ihre Geweihten ertönen läßt, zu ihr hinabzusteigen, damit sie ihnen ihre Wunderreize, ihre Lust und ihren tiefen, ewigen Schmerz offenbare. Da können dann viele, die ihr mit glühender, liebedürstender Seele folgen, nicht mehr zurück.
Eine Wetterscheide ist der Hörseelberg und seinen hohen Scheitel küssen bisweilen die Meteore des Himmels. Im Jahre dreizehnhundert achtundneunzig erhoben sich bei Eisenach am hellen Tage drei große Feuer, brannten eine Zeitlang in den Lüften, thaten sich zusammen und wieder von einander und endlich fuhren sie alle drei in den Hörseelberg hinein. Auch das ist zu beachten, daß von den Hörseelbergsagen fast keine der Geschichte angehört, alle vielmehr sind sie Kinder einer aus dem Volk hervorgegangenen und im Volk fortlebenden tiefdeutsamen Poesie, mythischen Zaubers voll.
Quelle: Ludwig Bechstein - Der Sagenschatz und die Sagenkreise des Thüringerlandes, Meiningen und Hildburghausen, 1857, Verlag der Kesselringschen Hofbuchhandlung