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Vorrede

Die hier erscheinende Sammlung von Volkssagen aus Pommern und Rügen soll eine Reihe von Publikationen eröffnen, welche die gründliche Erforschung des Pommerschen Volkslebens zu ihrem Gegenstand haben. Die Gesichtspunkte, welche mich dabei leiten, sind einmal, meinen Landsleuten ihre Sagen, Märchen, Sitten und Gebräuche, mit einem Worte, ihr Volkstümliches, das dem Ansturm der modernen Kultur wohl nicht lange mehr standhalten dürfte, wenigstens litterarisch zu erhalten, dann aber, den Mythologen, Ethnologen, Dialektforschern und Kulturhistorikern eine wertvolle, zuverlässige Stoffsammlung für ihre Studien zu bieten.

Der Anfang ist mit einer Wiedergabe der pommerschen Volkssagen gemacht worden, weil hierfür das Material am vollständigsten vorhanden war und weil sich in weiten Kreisen das Bedürfnis geltend gemacht hat, für die veraltete und noch dazu im Buchhandel fast ganz vergriffene Temmesche Arbeit möglichst bald einen Ersatz zu schaffen. Ursprünglich beabsichtigte ich nun, in dieser neuen Sammlung nur das zum Abdruck zu bringen, was, aus ganz Pommern, von nur selbst und, speziell ans dem Kreis Rügenwalde, von dem Herrn Professor E. Kuhn in München, unter thätiger Beihilfe der Frau Major Anna von Kleist, geb. Cochius, zu Cosel, direkt dem Volksmunde entnommen ist. Da jedoch die Verlegerin der Temmeschen Sagensammlung, die Nicolaische Buchhandlung in Berlin, nicht gewillt ist, eine neue Auflage derselben zu bringen, so hielt ich mich verpflichtet, eine größere Anzahl von Sagen aus diesem Buche zu entlehnen, soweit dieselben nämlich der Abrundung und Vervollständigung der neuen Sammlung dienen konnten. Berechtigt war ich zu einem solchen Schritte schon deshalb, weil Temme für den größten Teil der hierbei in Betracht kommenden Sagen lediglich aus den Akten der Gesellschaft für pommersche Geschichte und Altertumskunde geschöpft hat und diese Akten mir ebenfalls zur freien, unbeschränkten Benutzung von zuständiger Seite aus zur Verfügung gestellt wurden.

Nach dieser Bereicherung des selbst gesammelten Sagen-Materials schien es mir nötig, noch weiter auszugreifen. Ich erbat darum und erhielt auch bereitwilligst die Erlaubnis, alles Einschlägige ans den Norddeutschen Sagen von A. Kuhn und W. Schwartz, sowie aus den Westfälischen Sagen von A. Kuhn aufnehmen zu dürfen. Ferner sind Arndts Märchen und Jugenderinnerungen, wovon Temme nur den ersten Teil in erster Auflage benutzen konnte, soweit sie verwertbar waren, ausgezogen worden. Mehrere Sagen sind endlich den Baltischen Studien entnommen, einige wenige auch anderen Schriften und den schriftlichen Mitteilungen von Freunden des Werkes, doch mit großer Vorsicht, weil hier nur das geboten werden soll, was durchaus volkstümlich ist.1)

Als die Vorbereituugen zum Druck getroffen wurden, erhielt ich die Nachricht, daß von dem Herrn Gymnasiallehrer O. Knoop in Posen eine Sammlung des Volkstümlichen aus dem östlichen Hinterpommern im Manuskript vorliege, gleichzeitig wurde ich zu einem gemeinsamen Vorgehen aufgefordert. Da aber die beiderseitigen Arbeiten von ganz verschiedenen Gesichtspunkten aus geschrieben waren, eine Umarbeitung mithin sehr mühsam und zeitraubend gewesen wäre, so zerschlug sich die Sache wieder. Inzwischen ist die Sammlung des Herrn O. Knoop bei Jolowicz in Posen erschienen, unter dem Titel: „Volkssagen, Erzählungen, Aberglauben, Gebräuche und Märchen aus dem östlichen Hinterpommern. Gesammelt von Otto Knoop. Posen 1885„. Ich verweise hiermit aus dieselbe und bemerke dazu, daß die beiden Sammlungen sich keineswegs konkurrieren, sondern vielmehr einander ergänzen, indem Herr Knoop hauptsächlich auf den kassubischen Teil Pommerns sein Augenmerk gerichtet hat, während ich aus der deutschen Bevölkerung der ganzen Provinz geschöpft habe.

Es erübrigt einige Mitteilungen über die vorliegende Arbeit selbst zu machen. Die Sagen sind von mir in der Weise gesammelt worden, daß ich mit einzelnen Männern und Frauen, die der sogenannten ungebildeten Masse angehörten und ans den verschiedensten Kreisen der Provinz stammten, Berührungspunkte suchte uud Bekanntschaften schloß, und dann mit ihnen in einen, mehrere Wochen, teilweise sogar Monate andauernden, intimen Verkehr trat. Dadurch gelang es mir, das ganze Fühlen und Denken der Leute von Grund aus kennen zu lernen; und mehr vielleicht, wie mancher andere, darf ich deshalb von dem, was ich gesammelt habe, behaupten, daß es durchaus volkstümlich sei.

Nun fragte es sich, in welcher Anordnung das gewonnene Sagen-Material wiederzugeben sei. Ich schwankte zwischen der rein geographischen und der rein sachlichen und entschloß mich endlich, beide zu verbinden, indem ich das Ganze je nach den verschiedenen Sagengruppen in Kapitel teilte und in diesen sodann, wo es irgend angänglich war, die geographische Anordnung zu ihrem Rechte kommen ließ. Weil ferner die große Mehrzahl der Leser an den Sagen nur ein litterarisches Interesse haben dürfte, so hielt ich es für erforderlich, den ersten zwölf Abschnitten kurze Einleitungen vorauszuschicken, die jedoch zum Teil auch für deu Gelehrten von Wert sein werden, da in ihnen anch Beobachtungen aus dem pommerschen Volksleben mehr allgeineiner Art ihre Stelle gefunden haben.

Einen andern Grund hat es, daß den einzelnen Sagen kein Nachweis beigefügt ist über die Verbreitung, die sie in den übrigen Teilen Deutschlands und anderen Ländern haben. Wäre das nämlich geschehen, so würde das ohnehin schon umfangreiche Buch fast um das Doppelte gewachsen sein, und außerdem möchte manchem bei dem Anblick der vielen Anmerkungen der Genuß am Lesen gründlich verleidet werden. Um zu zeigen, wie viel Raum die einzelnen Aumerkungen, selbst bei gedrängtester Kürze, einnehmen würden, und zugleich, um einem Wunsche meines verehrten Mitarbeiters nachzukommen, soll zu den beiden Leuorensagen in Nr. 515 dieser Sammlung die Litteratur abgedruckt werden, wie sie Herr Professor E. Kuhn znsammengestellt hat:

„Über die weite Verbreitung dieses Sagenstoffes vergleiche man die reichhaltigen Zusammenstellungen von Wackernagel (und Hoffmann) in den Altdeutschen Blättern I. S. 174—204 (Wiederholt in Wackernagels kleineren Schriften II. S. 399 bis 427); Pröhle, Gottfried August Bürger. S. 77—115; Warrens, Schwedische Volkslieder der Vorzeit S. 302; Dänische Volkslieder der Vorzeit S. 282 — 283; Schottische Volkslieder der Vorzeit S. 189—195; Norwegische Volkslieder der Vorzeit S. 405—406; Liebrecht, Zur Volkskunde S. 195—197; Vilmar, Handbüchlein für Freunde des deutschen Volksliedes. Dritte Auflage. Marburg 1886. S. 152—167; Wollner im Archiv für slawische Philologie VI. S. 239—269 (vgl. dazu ebd. S. 493); Psichari in der Revue de l’histoire des religions. IX. S. 27 bis 64. — Germanische Versionen, welche die poetische Form aufgegeben haben, finden sich bei Müllenhoff, Sagen, Märchen und Lieder der Herzogtümer Schleswig-Holstein und Lauenburg. Nr. CCXXIV, S. 164; Bernaleken, Mythen und Bräuche des Volkes in Oesterreich. S. 76—80 (woran sich S. 80—81 eine Erzählung offenbar slawischen Ursprungs anschließt, die in dem spezifischen Zuge vom Kochen des Totenkopfes sich den von Wollner S. 257 besprochenen kroatisch-slovenischen und slovakischen Märchen anschließt); Maurer, Isländische Volkssagen der Gegenwart S. 73—74 und damit übereinstimmend Arnason, Islenzkar Thjödhsögur og Æfintyri I. S. 280—283. In ihnen kehren au wie in den meisten der von Wollner behandelten (slawischen und litauischen) Versionen die Worte „Der Mond der scheint so hell“ u. s. w. mehr oder weniger ähnlich wieder, über deren anderweitiges Vorkommen im übrigen noch die Nachweisungen von Grimm, Kinder- und Hausmärchen III.3 S. 75; Deutsche Mythologie. Vierte Auflage. S. 704 und Bugge in Mourads und Winter-Hjelms Nordisk Tidsskrift for Videnskab og Litteratur. 1854—55. S. 105 verglichen werden können. Der zweite Tote unserer einen pommerschen, in Mesow ausgezeichneten Sage stimmt so charakteristisch zu den slawischen und litauischen Formen, daß an slawischen Einfluß zu denkeu nahe liegt.„

Eine kurze Auseinandersetzung ist endlich noch erforderlich über die Schreibart der im Dialekt wiedergegebenen Sagen. Bei dem, was von mir selbst gesammelt und aus den Norddeutschen Sagen von Kuhn und Schwartz übernommen ist, habe ich überall streng das phonetische Prinzip durchgeführt. Besondere Vettern finden sich nur bei deu Vokalen, wo Längen nnd Kürzen zu scheiden und für die Zwischenlaute besondere Zeichen zu setzen waren. Die kurzen Vokale sind wiedergegeben mit den Lettern: a, ä, e, i, o, ö, u, ü, die entsprechenden Längen mit: â, ae, ê, î, ô, oe, û, ue. Die Zeichen für die Zwischenlaute vou â uud 6, vou ae uud oe, und für das verdampfte au sind â, âe und au. Nicht zur Anwendung gebracht ist die phonetische Schreibart bei den plattdeutschen Sagen aus Arndts Märchen und Jugenderinnerungen, die genau in der Schreibart des Originals abgedruckt sind.

Zum Schlusse drängt es mich, allen, welche thätigen Anteil an dem Zustandekommen des Werkes genommen haben, meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Es sind das: Herr Gymnasialdirektor Dr. F. L. W. Schwartz in Berlin, Herr Geheimrat Dr. Wehrmann und Herr Gymnasialdirektor H. Lemcke in Stettin, und von Beitragspendenden: Frau Major A. von Kleist in Cosel, Herr Professor Dr. E. Kuhn in München, mein Bruder, stud. theol. Karl Jahn in Greifswald, Herr Gymnasiallehrer O. Knoop in Posen und Herr Dr. A. Haas in Stettin. Vor allen aber nenne ich an dieser Stelle meinen hochverehrten Lehrer, den Herrn Professor Dr. Karl Weinhold in Breslau, auf dessen Anregung überhaupt die ganze Sammlung begonnen ist. Möge dieses Buch ihm zeigen, daß seine Lehren bei dem Schüler nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen sind.

Stettin, den 17. November 1885.

Dr. Ulrich Jahn

1)
Im ganzen stellt sich das Verhältnis etwa folgendermaßen: Von den 670 Nummern sind selbst gesammelt circa 420 Sagen, durch Herrn Professor E. Kuhn mitgeteilt gegen 70; der Rest von etwa 180 Sagen, die also schon früher einmal abgedruckt worden sind, kommt zur Hälfte auf Temme, das übrige auf die betreffenden Werke von A Kuhn und W. Schwartz, A. Kuhn, E. M. Arndt, die baltischen Studien etc. — Die genauen Titel der in Betracht kommenden Sagenwerke sind: Temme, Die Volkssagen von Pommern und Rügen. Berlin 1840; A. Kuhn und W. Schwartz, Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche aus Meklenburg, Pommern, der Mark, Sachsen, Thüringen, Braunschweig, Hannover, Oldenburg und Westfalen. Aus dem Munde des Volkes gesammelt und herausgegeben. Leipzig 1848 ; A. Kuhn, Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalen und einigen andern, besonders den angrenzenden Gegenden Norddeutschlands. 2 Bde. Leipzig 1859; E. M. Arndt, Märchen und Jugenderinnerungen. 1. Teil, 2. Ausgabe. Berlin 1842; 2. Teil. Berlin 1843.