<<< zurück | Sagen der mittleren Werra | weiter >>>
Eine der schönsten Zierden des Naturparks um Altenstein ist der riesige Dolomitpfeiler, der sich am obern Rande des Berges erhebt, an dessen Fuße sich die bekannte Glücksbrunner Höhle befindet. Es ist dies der Hohlenstein, dessen Gipfel ein kleines, von dem verstorbenen Herzog Georg erbautes japanisches Häuschen krönt und eine weite Rundsicht über die herrliche Gegend gewährt. Seinen Namen hat er von einer nach Osten offenen tiefen Höhlung, die sich nach Westen bis auf eine enge Felsenspalte schließt. Hier ist eine Windharfe angebracht. Ein Greis aus Schweina theilte mir nachstehende, fast verklungene Sage über den Hohlenstein also mit.
„Unsere Alten“, begann er, „haben immer erzählt, zur Zeit als der Werragrund und auch die Gegend bei Schweina und noch gar weithin Alles ein großer wilder See gewesen sei, und die Menschen nur auf den Bergen gewohnt hätten, da wären die Luft- und Wassergeister einmal uneins geworden und sei eine so schreckliche Zeit gekommen, daß die Menschen sich selbst auf den höchsten Bergen vor der argen Aufregung der Gewässer nicht mehr sicher geglaubt hätten. Da sollen sich denn nun die, welche hier oben auf dem Berge herumwohnten und noch nicht vom Wasser mit fortgerissen waren, in ihrer Noth, auf den Hohlenstein geflüchtet und an den Berggeist gewandt haben, daß er sich ihrer erbarme. Und der Berggeist, der mächtiger ist als die andern, erhörte ihr inbrünstiges Flehen, stieg aus der Tiefe empor, gebot dem Sturme und den Gewässern und schlug mit seinem Demantfäustel das Loch in den Felsen droben, und das Wasser stürzte alsbald in das Innere des Berges. Da drinnen steht es nun noch als ein gewaltiger See, festgebannt von dem Geiste. Aber auch die Gewässer hier unten in den Thälern gehorchten seinem Gebote und brachen nach dem Werrathale durch.“
„Aber gut ist's, lieber Freund“, fuhr der Greis fort, „daß wir hoffentlich dann nicht mehr da sein werden, wenn die Prophezeiung, von der unsere Alten auch erzählt haben, einmal in Erfüllung gehen wird, daß der Bann, der die Gewässer fesselt, sich einst lösen, der Berg sammt dem Hohlenstein einstürzen und das wilde Wasser wieder durchbrechen werde; dann geht Alles, die herrliche Landschaft mit Menschen und Vieh, Alles wieder zu Grunde. Und kommen wird dies ganz gewiß, denn unsere Jugend hat keinen Respect mehr vor dem Alter und keinen mehr vor dem lieben Herrgott!“
Nach einer andern Sage soll der Hohlenstein vor unvordenklichen Zeiten der Aufenthaltsort eines scheußlichen Drachens gewesen sein und das Ungeheuer sich in den Berg zurückgezogen haben.
Quellen: