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Die beiden Prediger

In einem Dorfe waren zwei Prediger. Von denen hatte der eine eine fette Stelle, der andere eine magere, und der mit der mageren Stelle musste Sonntags Nachmittags in der Schenke zum Tanze aufspielen. Aber der mit der fetten Stelle war nicht zufrieden, sondern schrieb an den König, er wollte noch eine bessere haben. Dann kam der König selbst in das eine Dorf, ging in die Kirche und hörte die Predigt des anderen an; die war sehr schön, und ebenso Nachmittags, wie er in der Schenke geigte. Dann bestimmte er, dass der mit der mageren Stelle die fette bekommen sollte, und sagte: »Mag der andere nun ein paar Jahr' geigen«.

Andere sagen: ein Prediger und ein Küster in einem Dorfe hatten sehr schlechte Stellen und spielten jeden Sonntag Nachmittag zum Tanze in der Schenke auf, um sich zum Lebensunterhalte noch etwas zu verdienen. Als aber der König erfuhr, dass beide ihre Gemeinden so vernachlässigten, ging er hin in das Dorf und überzeugte sich selbst, so wie immer. Er traf auch die beiden, wie sie Sonntags Nachmittags in der Schenke spielten und stellte sie deshalb zur Rede. Weil aber ihr Gehalt nicht »zulangte«, bekamen sie fortan bessere Stellen. B.

Quelle: Schulenburg, Willibald von: Wendisches Volksthum in Sage, Brauch und Sitte. Berlin: Nicolai, 1882, S. 8.