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Die Erdmännlein in der Haseler Höhle

Die Tropfsteinhöhle „Erdmannshöhle“ bei dem Dorfe Hasel, Bezirksamt Schopfheim, gehört zu den sehenswerthesten ihrer Art in Deutschland und giebt der berühmten Baumannshöhle wenig nach. Sie ist nicht minder durch die großartigsten Bildungen von Stalactiten (daher deren Bezeichnungen: Mantel, Orgel, Kanzel Fürstengruft u. s. w.); als durch den in ihrer Tiefe wild dahin rauschenden Bach ausgezeichnet. Bis zu Anfang dieses Jahrhunderts wagten es die Umwohner nicht, sie näher zu untersuchen; obgleich sie versicherten, von den Erdmännlein öfter nächtlicher Weile, zumal bei strenger Kälte besucht zu werden. Dieselben sollen von lieblicher Gesichtsbildung gewesen sein und den Leuten, die sie aufnahmen, nur Gutes erwiesen haben. Da man aber keine Füße an ihnen bemerkte, soll Einer auf den Einfall gerathen sein, ihnen Asche zu streuen, worauf sie, erzürnt, für immer verschwunden wären.

Dort in dem Berge
Hausen die kleinen
Niedlichen Zwerge,
Häßlich von Beinen.
Tief in der Erde
Graben und wühlen sie,
Lust und Beschwerde
Hegen und fühlen sie,
So wie wir Andern
Oben im Lichte.
Gleich Salamandern
Kriechen die Wichte
Durch das Gemenge
Schauriger Gänge,
Schwarz wie die Hölle.
Ueber’s Gerölle
Trippeln und schlüpfen sie,
Zauberhaft hüpfen sie,
Hämmern und bohren,
Scharren und schäufeln,
Hacken und häufeln.
Seltsam Rumoren,
Fernes Gewimmer
Hört ihr ertönen;
Doch sie zu höhnen,
Waget es nimmer!

Sonstmals, in der Vorzeit Jahren,
Kamen sie hervor an’s Licht;
Häusern, wo sie heimisch waren,
Fehlte Glück und Segen nicht.

Da vermaß sich kühner Spürwitz
Ihrer Füße Form zu seh’n,
Asche streut’ ein Schalk im Fürwitz,
D’rauf die Zwerglein sollten geh’n.

Und es gingen auch die Kleinen,
Gingen – und für immerdar.
Nimmer sieht man sie erscheinen,
D’runten bleibt die Gnomenschaar.

Tief in dem Berge
Hausen die kleinen
Niedlichen Zwerge,
Häßlich von Beinen.
Kammern und Stuben,
Die sie sich gruben,
Findet ihr unten;
Säle mit bunten
Mauerverzierungen.
Hier, in Gruppirungen
Seltsam verschieden,
Grüßen euch mächtige,
Riesengeschlechtige
Steinpyramiden.
Winzige Kegel,
Trotzend der Regel,
Seht ihr daneben
Frech sich erheben.
Himmelwärts ragende,
Hängende, tragende
Säulen und Zinnen
Zeigen sich dorten.
Schaurige Pforten
Führen nach innen.

Aber laßt euch nicht bethören,
Allzutief hineinzugeh’n
Und der Zwerge Ruh’ zu stören;
Manchem ist ein Leid gescheh’n.

Einst mit höhnischer Geberde
Hatt’ ein Müller sie verlacht,
Dafür sank ihm in die Erde
Hof und Garten über Nacht.

Nimmer waget sie zu kränken,
Denn es bleibt nicht ungerächt;
Felsensturz und Hausversenken
Strafen den, der sich’s erfrecht.

Dort an den Wänden
Künstliche Blenden
Dienen als Schränke,
Felsen als Bänke.
Ueber den Hallen
Schwebende Spitzen
Drohen zu fallen,
Jach euch zu ritzen.
Fern in der Tiefe
Ueber die schiefe
Felsige Fläche
Hört ihr mit Grausen
Schwellende Bäche
Stürzend erbrausen,
Und der Cocytus
Scheint euch kein Mythus.
Bläuliche Lichtlein
Fackeln im Düstern.
Hört ihr der Wichtlein
Heimliches Flüstern?
Sehen und hören
Möget ihr immer,
Doch sie zu stören,
Waget es nimmer!

Quelle: Heinrich Schreiber, Die Volkssagen der Stadt Freiburg im Breisgau und ihrer Umgegend, Druck und Verlag von Fr. Xav. Wangler, 1. Auflage von 1867