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Der Abend kommt, es dunkelt,
Schon sinkt herein die Nacht,
Das Firmament durchfunkelt
Der Sterne Silberpracht.
Es flüstert sanft und leise
Der kühle Abendwind;
Da betet frommer Weise
Ein frommes Hirtenkind.
Das sitzt am Lindenstamme,
Die Schäflein rings umher,
Es spielt mit weißem Lamme
Im duft’gen Blüthenmeer.
Was hört es da erklingen,
Wie Engelsmelodei?
Das ist ein Wundersingen,
Es träumt das Kind dabei.
Und immer wächst und schwillet
Der zaubernde Gesang,
Es steigt das Lied und quillet
Im wundersamen Klang.
Das Kind horcht still und lauschet,
Es betet sanft und leis
Und immer voller rauschet
Der Engel Liederpreis.
Und wie zum goldnen Kranze
Webt sich von nah und fern
Im schönsten Schmuck und Glanze
Am Himmel Stern an Stern.
Das Kind schaut, wie im Traume;
Was glänzt so wunderbar
Vom alten Lindenbaume,
Wie Sterngefunkel klar?
Die Himmelskön’gin sitzet
Mit ihrem Christuskind
Von goldnem Glanz umblitzet
Dort in der alten Lind!
Dem Kind sie freundlich winket
Vom duftiggrünen Baum;
Ihr Kleid, das funkt und blinket,
Hell blitzt es durch den Raum.
Das Kind hat es geschauet
Das schöne Himmelsbild,
Hat seinem Dorf vertrauet
Von dieser Jungfrau mild.
Bald ging von Mund zu Munde
Was Wunders hie geschah,
Und auf demselben Grunde
Man bald ein Kirchlein sah.
Da fragten nach dem Namen
Des Kirchleins schön und klein,
Die Waller, die da kamen;
Die „Lindkirch“ soll es sein.
Noch sagt man in dem Lande
Vom Kirchlein schöne Mähr;
Daß es ein Mägdlein fande
Das preißt die Sage sehr.
Das Kirchlein aber glänzet
Im frischen Lindenduft,
Mit Zweigen grün umgränzet
In morgenfrischer Luft.
Dem Land zum frommen Gruße
Steht es seit alter Zeit,
Am wald’gen Bergesfuße,
Man kennt es weit und breit.
Quelle: Heinrich Schreiber, Die Volkssagen der Stadt Freiburg im Breisgau und ihrer Umgegend, Druck und Verlag von Fr. Xav. Wangler, 1. Auflage von 1867