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Der Kanonier von Freiburg

  Im October 1744 erlitt Freiburg die letzte französische Belagerung, 
  welcher König Ludwig XV. selbst beiwohnte. Von St. Loretto aus 
  pflegte er die Arbeiten zu beobachten, wobei es eines Tags geschah, 
  daß von den Batterien der Stadt eine Kanonenkugel auf ihn abgeschossen 
  wurde, die dicht über seinem Haupte über dem Eingange der Kapelle 
  in die Mauer schlug, wo sie noch zu sehen ist. 
  Geschichte. Thl. IV. S. 283. ff.

Breisach „des deutschen Reiches Kissen“,
War längst des Kaisers Macht entrissen.

Des Königs Heer mit Schall und Klang,
Vor Freiburg steht’s am Bergeshang.

Fern blinkt des Generalstabs Rüstung
Von des Lorettohügels Brüstung.

«Vive Louis quinze!» – Er tritt herfür
Aus der Kapelle Gnadenthür:

Recognoscirt auf ihrer Schwelle
Die Dreisamstadt und ihre Wälle.

Vom Schloßberg späht Artillerie,
Des Königs Stab erkannte sie.

Ist’s nicht sein Federbusch, der bunte?
Schnell greift ein Kanonier zur Lunte.

„Habt Acht, dem wälschen Königlein
Soll einmal deutsch gepfiffen sein!“

Ha, Blitz und Schlag! drei Spannen Maß
Ob seinem Haupt die Kugel saß.

Noch steckt der Eisenball zur Stelle
Dicht ob dem Pförtlein der Kapelle.

Der König stutzt, als von der Wand
Ihm Mörtel fallt auf Kopf und Hand.

Er winkt, aus zwanzig Feuerschlünden
Die Antwort ihnen baß zu künden.

Der Stadt erbeut er dann zum Gruß
Nach dem Bescheid auf solchen Schuß:

„Sollt fürder Euch mein Haupt bekümmern,
Schieß ich das Münster Euch zu Trümmern!“

Vom Schloßberg schweigen die Kanonen.
Solch einen Tempel muß man schonen!

Quelle: Heinrich Schreiber, Die Volkssagen der Stadt Freiburg im Breisgau und ihrer Umgegend, Druck und Verlag von Fr. Xav. Wangler, 1. Auflage von 1867