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Der Ritterkeller

Ein armer Mann in Tilleda richtete bereits die achte Kindtaufe aus; es gab nicht allzuviel zu schlucken, und der Vorrath von thüringer Landwein war von den Gästen bald ausgetrunken. Diese verlangten mehr, und der Kindtaufsvater sagte zu seiner Tochter, einem jungen Mädchen von sechszehn Jahren: Geh mein Kind, geh in den Keller und hole Wein. Er hatte aber gar keinen Keller, und es war nur sein Scherz. In welchem Keller denn, Vater? fragte das Mädchen, und der Vater antwortete ihr: Ei, meinetwegen in dem Ritterkeller auf dem Kiffhäuser. Das Mädchen nahm einen kleinen Handeimer und ging in seiner Einfalt fort, immer den Berg hinan. Auf einmal in der Mitte des Berges, steht sie vor einem verfallenen Gewölbe und eine alte Schaffnerin in wunderlicher Tracht, mit großem Schlüsselbund davor, und fragt das erstaunte Mädchen: Du willst gewiß Wein aus dem Ritterkeller? — Die Kleine bejahte, und die Schaffnerin hieß sie ihr folgen. Da ging es weit hinter, bis zu einer Thür, welche die Schaffnerin aufschloß, und die zu einem großen geräumigen Keller führte, wo zu beiden Seiten die Stückfässer lagen. Bald war der kleine Eimer aus einem derselben gefüllt; die Kellermeisterin reichte ihn dem Mädchen hin und sprach: Das bringe Deinem Vater, und habt ihr wieder ein Fest, so komme wieder, doch sage Niemand, woher der Wein, auch darf bei Leibe kein Tropfen davon verkauft werden. Die Tochter kam glücklich nach Hause, man hatte ihre Abwesenheit kaum bemerkt, aber der Wein ward köstlich befunden und höchlich belobt. Später, wenn wieder ein Freudentag war, schickte der Vater das Töchterlein wieder nach dem Ritterkeller, und immer kam sie mit gefülltem Eimer zurück; nie hatte man bessern Wein getrunken, und nie wohl feilern.

Der Schenkwirth hörte davon, denn Niemand wollte mehr von seinem sauern oder verfälschten Wein trinken, ging deshalb zum Nachbar, und bat ihn nur um ein Schlückchen zum Kosten, das mundete ihm baß, und er forschte, woher der Wein bezogen werde, und rechnete schon, wieviel er mit einem Fäßlein solchen Weines geringe Sorte gut machen könnte. Allein er erfuhr nichts. Nun legte er sich auf die Lauer, und nahm bald wahr, daß des Nachbars Töchterlein Abends zum Kiffhäuser ging, und halbwegs oben in einem Gewölbe verschwand, nach einer Weile aber mit vollem Eimer herauskam. Er merkte sich die Stelle gut, und hatte am andern Abende nichts eiligeres zu thun, als mit einer großen leeren Tonne bergauf zu fahren, die er im Ritterkeller zu füllen dachte. Aber wie er nun an dem Eingang des Kellers war, da wurde es rabenschwarze Nacht um ihn her, der Sturm erhob sich heulend aus Wald und Geklüft, packte ihn mächtig, und kollerte ihn sammt der Tonne bergab, daß ihm hören, Sehen und alle übrigen Sinne vergingen. Als er aus seiner Betäubung erwachte, sah er sich in einer bleicherleuchteten Todtengruft und mächtiges Grausen durchschauerte ihn; ängstigende Bilder zogen vorüber, er wußte nicht, ob sie wirklich oder Geburten seiner fieberhaften Phantasie waren. Zuletzt kam ein Mönch, der trug ihn eine hohe Treppe empor und legt ihn nieder. Ohnweit von ihm schlug die Uhr Mitternacht. Der Mönch steckte ihm ein Stück Geld in die Hand, und verschwand. Halbtod schleppte sich der Schenkwirth nach Hause, legte sich zu Bette, und starb nach drei Tagen. Für das Geld des Mönchs wurde er begraben.

Quellen: