<<< | Sagen aus Thüringens Vorzeit, den drei Gleichen, dem Schneekopf und dem thüringischen Henneberg | >>>
Von Leuten, welche der Liebfrauenkirche nahe wohnen, ist unterschiedlich erzählt worden, daß sie zu ungewohnter Nachtstunde die Kirche hell erleuchtet gesehen, Orgelton und Gesang vernommen. Einem Diaconus an derselben Kirche geschah es, daß er auf seinem Lager erwachte, und in der Meinung, es sei Zeit zur Frühmette, sich in die Kirche begab. Darin fand er bereits den Gottesdienst begonnen. Die Kerzen waren angezündet; am Hochaltar und an den Seiten-Altären standen Priester und Vicare, Meßner und dienende Chorknaben, die vor vielen hundert Jahren in der Kirche ministrirt hatten, und eine große Menge Betender füllte das Kirchenschiff. Da schlug die Glocke zwölf und mit einem Male verlöschten die fast herabgebrannten Lichter, Priester und Andächtige verschwanden, und der Diaconus fand sich mit Grausen allein in dem Gotteshaus.
Oft und viele Jahre lang soll es auch darin gespukt haben; im Jahr 1612, am Fest Mariä Reinigung, war zweimal, frühmorgens und Mittags, ein lautes Prasseln und Fallen in dem Fürstlichen Erbbegräbniß hörbar. Einem Küster träumte, in einem der uralten Schränke der Sakristei finde er einen über hundert Jahre verborgenen Kelch, und in der That wurde beim Nachsuchen ein solcher Kelch von Silber, vergoldet und mit Edelsteinen beseßt, gefunden, der auf 500 Thaler gewürdigt wurde. Schatzgräber haben auch schon öfter nach Schätzen in der Frühkirche gesucht, aber nichts gefunden.
Quellen: