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Meister und Geselle

Unter den mancherlei gothischarchitektonischen Verzierungen an dem schönsten der beiden sogenannten Klammerthürme der Liebfrauenkirche wird ein sich herabbiegender Mann und ein Hund erblickt, und darüber das Folgende allgemein erzählt.

Als die Kirche erbaut wurde, und es namentlich an den Ausbau dieser beiden Thürme ging, übertrug der Meister den Bau des vordern Thurms seinem Gesellen, während er selbst den des andern leitete. Da fand sich denn gar bald, daß der Thurm des Gesellen bei weitem schöner und zierlicher emporstieg und mehr bewundert wurde, als der des Meisters, worüber dieser einen mächtigen Groll gegen den Gesellen faßte, welchen Groll er aber in sich verschloß, bis der Thurmbau vollendet war. Als nun diese Zeit gekommen, der Geselle seinen Lohn begehrte, und alle Welt dessen Thurm für den bei weitem schöneren erkannte, als welcher er noch heute zu schauen ist, so sagte der Meister: Dein Thurm, Geselle, ist zierlich wohl gerathen, aber einen Fehler finde ich doch an ihm, der mir sehr störend dünkt, und den ich Dir droben wohl zeigen will. Hieß demnach den Gesellen ihm folgen, und stiegen hinauf auf den Thurm. Der Geselle, sich keines Argen besorgend, folgte getrost, und sein Hündlein, das er gar lieb hatte, lief auch mit hinauf. Oben gebot nun der Meister dem Gesellen, zum Schalter hinauszuschauen, und bedeutete ihm eine Stelle, wo der Fehler sein sollte, welche zu sehen, der Geselle sich so weit hinausbog, als er nur konnte. Und wie er rief: Meister, ich sehe nichts! so schrie der Meister: Hier hast Du Deinen Lohn! und stieß ihn vollends hinaus, daß er hinunterstürzte und sich todt fiel. Darauf wimmerte der Hund ganz entsetzlich und soll seinem lieben Herrn nachgesprungen sein. Zum Gedächtniß sieht man oben am Thurme noch eine herausragende Mannes- und Hundegestalt.

Quellen: