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Sage des Monats Juni 2024
Oft schon war in den frühern Zeiten mancher thüringische Ort mit großen Wasserfluthen heimgesucht worden, davon die Chroniken voll find. Nie aber vorher und nie nachher erlitt das Thüringer Land eine so gleichzeitige große und unerhörte Ueberschwemmung, als im Jahr 1613, am Abend des 29. Mai. Ein schweres Ungewitter zog am Himmet auf und entlud sich unter den heftigsten Blizen und Donnerschlägen unter so furchtbaren Regengüssen und Wolkenbrüchen, daß es war, als solle die Welt in einer zweiten Sündfluth untergehen.
Alle Elemente waren im Aufruhr und wütheten und tobten gegen einander, und nicht an einem Orte, sondern über allen Städten und Dörfern, zwölf Meilen in die Runde und weiter, von der Saale bis zum Harz, von der Werra bis zur Elbe; und es geschah unermeßliches Unglück, unersetzlicher Schaden. Die Ilm erhob sich an manchen Orten zehn bis zwölf Ellen über ihr Bett, und in ihrem Flußgebiet offenbarte sich die größte Zerstörung. In Weimar wurden von der gewaltigen Wasserfluth 44 Häuser und Scheunen weggerissen, es ertranken dabei 74 Menschen, 25 Pferde, 175 Stück andres Vieh; an der Mühle am Kegelthor daselbst ist noch das Wahrzeichen, wie hoch dort die Fluth gegangen. Zu Oberweimar ertranken 14 Menschen und 22 Häuser wurden weggerissen. In Mellingen wurden 36 Häuser und 22 Menschen ein Raub der Fluth. Dabei war eines Hirten Weib, die mit 4 Kindern ertrank. Der Vater rettete sich und hörte noch, daß sein jüngstes Kind, wie das heranwogende Wasser schon das kleine Lager emporhob, die Mutter fragte: Kommen wir auch in den Himmel, wenn wir ertrinken? Und als jene mit Ja die seufzende Antwort gab, rief das Kind: Ei so will ich gern mit ertrinken! Gut' Nacht, lieb Vater und Mutter.
In vielen Dörfern, wie Kramsdorf, Eberstedt u. a., blieben nur wenige Häuser stehen. In Sulza kamen über 20 Menschen um das Leben, în Leutra 10, in Mave 20, in Krautheim hinter dem Ettersberge 18, und wurden dort 40 Wohnhäuser verwüstet. In Großenbrembach ertranken 39 Menschen und wurden 80 Häuser weggerissen, in Kleinbrembach gingen 25 Personen unter. In Zimmern ertrank eine Mutter mit ihrem Kind, und wurden die Leichname über eine Stunde weit bis nach Sulza getrieben. Bei Wenigen erschlug das Wetter einen Schäfer mit dem Hund, in Jegsdorf ertranken 14 Menschen, in Tomich 10, und 16 Häuser verdarben. Auf diese Weise hatte fast jeder Ort im Ilmthale und in den Nebenthälern schmerzliche Verluste an Häusern und Gebäuden zu beklagen. In Gotha zerschlugen die Schlossen Fenster und Saaten; Mühlhausen litt ebenfalls ungemein, und zu Langensalza schätzte man den Schaden auf eine Tonne Goldes. Brücken und Wehre wurden eingestürzt, Mauern 70 und 112 Schuh lang weggerissen, Thore über den Haufen geworfen, Leiche zerstört, Damme zerbrochen, Felsen gesprengt und überhaupt so viel Schaden angerichtet, daß von mehr als einer Stadt Bücher davon zu füllen wären. Doch kam in Langensalza kein Mensch um sein Leben. Das Wasser riß dort ein Stück Stadtmauer, die etliche Ruthen lang auf ein Felsstück gebaut war, hinweg und trieb ein Bruchstück dieses Felsens, das 78 Schuh lang, 7 Schuh breit und 5 Schuh dick war, etliche Ruthen lang dem Strom entgegen. Selbst in Orten, wie zu Tungeda u. a., die nicht an fließenden Wassern gelegen, erhob sich die Fluth so hoch, daß das Vieh in den Ställen schwamm und größtentheils ertrank. Es ist nicht zu sagen, wie viel Unglück an allen Orten Thüringens, welche von dieser Fluth betroffen wurden, geschah, aber der Geldschade, den dies ses unerhört große Wasser dem Thüringer Lande verursachte, wurde auf mehre Millionen Thaler geschätzt, davon auf das damalige Fürstenthum Weimar allein 143,000 Gulden gerechnet wurden.
Zwischen Jena und Magdeburg sind über 2000 Personen um das Leben gekommen. In Sondershausen strömte das Wasser in der Höhe eines Mannes zum Wipperthor herein, wo auch noch ein Kreuz, als Wahrzeichen eingehauen, zu sehen ist. Lange Zeit konnte in manchen Dörfern nicht einmal in den Kirchen Gottesdienst gehalten werden, weil das Wasser hineingedrungen und zum Theil Vieles zerstört hatte.
Dieses verderbliche und unerhört große Wasser nannte man die Thüringer Sündfluth, und behielt sie lange Zeit im traurigen Andenken. Die Jahrzahl dieses göttlichen Strafurtheils fand man enthalten in dem Worte IVDICIVM.
Quellen: