<<< zurück | Sagen aus Thüringens Frühzeit, von Ohrdruf und dem Inselberge | weiter >>>
In Winterstein, einem großen Dorfe am Fuß des Inselbergs, das früher auch von lauter Bergleuten bewohnt war, liegt ein zertrümmert Schloß, das die Herren von Wangenheim erbaut und lange besaßen, eine der ältesten Familien Thüringens, davon vornehmlich Fritz von Wangenheim mit großen Ritterehren genannt wurde, derselbe, der nie vor einem Feinde geflohen, und von dem sich die-serhalb der junge Landgraf Friedrich der Ernsthafte in England zum Ritter schlagen ließ.1)
Nahe bei der Ruine hinter einer Scheuer am Abhang eines Hügels ragt aus dem Rasen halb eingesun-ken ein niedriger Grabstein empor, mit fast verlöschter Schrift, Denkmal eines treuen Hundes. Diesen Besaß ein Jägermeister von Wangenheim, und nach ihm dessen Wittwe, im siebzehnten Jahrhundert; der Hund ging mit Briefen am Halsband ganz allein nach Friedenstein auf das Schloß zu der Landesherrschaft, und auch wieder zurück, und leistete durch seine Treue vielen Nutzen. Als er endlich starb, erhob die Frau großes Herzeleid, ließ den Hund in einen Sarg legen, kleidete ihre ganze Dienerschaft schwarz, und stellte ein feierliches Leichenbegängniß an. Man erzählt in Winterstein, sie habe es erzwungen, daß der Hund auf dem Gottesacker beerdigt worden sei, allein Pfarrer und Gemeinde hätten sich also sehr dawider gesetzt, daß er habe wieder ausgegraben werden müssen, worauf er an die Stelle verscharrt worden, wo er jetzt liegt. Scherzhaft hat sich im Ortdas Sprichwort gebildet: In Winterstein liegt der Hund begraben, und scherzhaft erzählen sich noch die Leute dort, es habe die Herrin des Hundes von ihrem Gesinde die größte Betrübniß, Weinen und Wehklagen um den Hund erheischt; eine Köchin aber sei nicht zu Thränen zu bringen gewesen2), deßhalb habe sie auch kein Trauerkleid empfangen. Als aber die Herrin in die Küche gekommen, wo eben die Köchin Zwiebeln schnitt, davon ihr die Augen thränten, habe jenen gerührt gesprochen: Nicht wahr, nun weinst Du doch noch um den guten Stutzel! und ihr williglich ein Trauerkleid geschenkt. Die Grbschrift des Hundes ist zwar nicht sonderlich, doch mag sie hier aufgeführt werden, denn an Ort und Stelle mag sie kaum noch ein Wanderer entziffern: (Bild des Hundes in Seitenansicht)
1650 WAR DER HVND BEGRABEN
DASS IHN NICHT SOLLEN FRESSEN DIE RABEN
STVTZEL WAR SEIN NAME GENANNT
BEI FVERSTEN VND HERREN WOL BEKANNT
WEGEN SEINER TREV VND MVNTERKEIT
SO ER SEINEN HERRN VND FRAVEN GEWEIHT
SCHICKT MAN IHN HIN NACH FRIEDENSTEIN
SO LIEF ER HVRTIGGANZ ALLEIN
GVT HAT ER SEIN SACH AVSGERICHT
DRVM HAT ER DIESEN STEIN GEKRIGT.
Quellen: