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Zu Seebach fängt die Ziege den Wolf

Etwas Wunderliches hat sich zu Seebach zugetragen, das den Leuten dort noch unvergessen ist.

Da, wo man es den alten Gottesacker nennt, stand ein halb verfallenes Kapellchen, das nicht mehr zum Gottesdienst gebraucht wurde; um das Kirchlein her wuchs schönes Gras, und eine arme Kreifersfrau begab sich dort hin, es abzumähen; sie hatte ein kleines Kind und eine Ziege, beide nahm sie mit, seßte auf den Altar des Kirchleins einen Korb und legte das Kind hinein, die Ziege band sie mit einem Strick vorn an die Kirchthür, und mähte ämsig das Gras ab. Nun hauste damals auf dem Wartberg ein großer Wolf, der witterte weithin die Ziege, kam herab aus dem Wald und sprang, als er die Ziege ersah, gierig auf dieselbe los, aber auch die Ziege sah den Wolf kommen und lief in die Kirche hinein; mit einem Satz fuhr der Wolf hinterher, schoß an der Ziege vorbei, und diese rannte flugs wieder heraus und zog mit dem Strick, an den sie gebunden war, die Thüre zu. Der Wolf war gefangen und rumorte nun gräulich in der Kirche herum, treppauf und ab, auf Chor und Emporen, sprang nach den Fenstern, scharrte und robte, sich zu befreien. Voller Entsetzen hörte die Frau den Lärm, sah das Ungethüm springen, und eilte davon, ihren Mann zu rufen, ja ihr Geschrei brachte das ganze Dorf in Allarm. Der Mann war zum Glück zu Hause, kam mit scharf geladener Doppelflinte, eine Schaar Bauern hinter ihm her, und erlegte den Wolf durch eine Fensterscheibe. Die Thür wurde geöffnet, voll Angst eilte die Frau nach ihrem Kind, das lag ruhig im Korb auf dem Altar und schlief. Gott hatte seine Hand über das Kind gehalten.

Quellen: