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Der Schwager des Landgrafen Ludwig, Herzog von Oestreich, hatte diesem aus Freundschaft und der Seltenheit wegen einen großen Löwen geschenkt, den der tugendsame Fürst in einem Kasten mit doppeltem Gitter verschließen ließ. Da geschah es in demselben Jahr, ehe er über Meer zog, daß er eines Morgens früh aufstand und in leichter Tracht nur einen Mantel übergeworfen, hinab und über den Burghof ging, vielleicht um im Freien sein Frühgebet zu verrichten. Und der Knecht, dem oblag, dem Löwen die Speise zu bringen und seinen Käfig zu reinigen, hatte versäumt, die kleine Thüre im Gitter fest zu verschließen. Plötzlich stand der Löwe in seiner furchtbaren Majestät vor dem Landgrafen, der ganz allein und ohne Waffen war, aber der Fürst reckte die Faust auf gegen den Löwen und schrie ihn hart an, da ließ dieser ab von seiner Schrecklichkeit und warf sich auf die Erde nieder vor des Fürsten Füße und wedelte mit dem Schweif, als ob er den Herrn anflehe. Der Thürmer hatte des Grafen Geschrei gehört, trat auf die Zinne und sah den Herrn und den Löwen; er machte Lärm und rief das Gesinde und den Löwenwärter herbei, der das Thier bald wieder hinter sein Gitter brachte. Doch schalt der Landgraf den Wärter sehr ernstlich und hätte ihn fast vom Hofe geschickt, wenn nicht für ihn gebeten worden wäre.
Alle meinten, daß Gott ihren Herrn nur um seiner und seiner Hausfrauen Elisabeths Tugend willen also wunderbar vor dem Löwen behütet und errettet. Zum Gedächtnißzeichen ward am Burgthor ein mit einem Löwen kämpfender Mann in Stein gehauen, der noch heute allda zu sehen ist.
Quellen: