<<< zurück | Sagen aus Thüringen - Orts- und Volkssagen | weiter >>>

Die Heiligen im Kloster Volkenrode

  Caesar heisterb. dial. mirac. VIII, 85.
  Nicol. de Siegen. p. 343. ed Wegele .
  Wolf, Deutsche Sagen Nr. 182, S. 293 .
  Paullini, zeittürzende Luft. II, 210 .
  Siffried Presbyter lib. I. epitom .

In dem Zisterzienserkloster Folcoldesrode (Volkenrode) in Thuringen lebte ein Abt, welcher die Reliquien der Heiligen hoch verehrte. Dieser hatte einmal des Nachts folgende Erscheinung. Er sah sich in die Kirche der heiligen Ursula zu Köln versetzt und erkannte, daß außerhalb dieser Kirche neben einer Mauer die Leichname von drei Jungfrauen begraben seien. Sofort begab er sich nach Köln, ging zu der Kirche und fand sogleich den Ort, welcher ihm in der Erscheinung bezeichnet war. Auch ging er zur Aebtissin, erzählte ihr Alles, was er im Traume gesehen hatte, und bat um die Erlaubniß, nachgraben zu dürfen, welche er auch bald erhielt. Man wies ihn zu einem Manne, Namens Ulrich, dem es oblag, die Körper der heiligen Jungfrauen herauszugraben. Dieser begann seine Arbeit und man fand zwei Sarkophage. In dem einen lag zwischen den Gebeinen ein sehr schöner Kamm. Diesen erbat sich der Gräber Ulrich und erhielt ihn, steckte ihn dann in seinen Handschuh und mit diesem unter sein Oberkleid auf die Brust. Da hinderte er ihn aber am weiteren Graben; er nahm ihn also wieder heraus und legte ihn an den Rand der Grube. Zufällig ging eine von den Nonnen vorüber, sah und bewunderte den Kamm, steckte ihn zu sich und ging wieder weg. Als man auch den dritten Körper gefunden und alle drei in einen Schrein geschlossen hatte, wollte der Abt am folgenden Morgen mit dem theuren Heiligthume wieder in sein Kloster ziehen. In der Nacht aber erschienen ihm die drei Jungfrauen im Traume und sprachen: „Wir können nicht mit dir gehen.“ Der Abt frug bestürzt: „Warum nicht, geliebteste Herrinnen? „ Darauf gab die eine zur Antwort: „Weil ich meinen Kamm verloren habe, den mir meine Mutter schenkte, als ich mein Vaterland verließ.“ „Wer hat ihn denn, o Herrin?“ frug wieder der Abt und sie antwortete: „Als Ulrich den Kamm in seinem Handschuh auf den Rand der Grube legte, hat ihn eine der Schwestern, Namens Frideriedis, gestohlen.„

Des Morgens trat der Abt vor die Aebtissin und sprach: „Saget mir, wie heißt der Mann, welcher die Jungfrauen ausgrub?“ „Ulricus,“ war die Antwort. „Ist hier nicht eine Schwester, welche Frideriedis heißt?„ frug der Abt weiter und die Aebtissin entgegnete: Ja, eine unserer Nonnen wird also genannt.“ „Dann lasset den Mann und die Nonne rufen,„ sprach der Abt, und als beide kamen, erzählte er von seiner Erscheinung in der vergangenen Nacht und die Nonne bekannte, daß sie den Kamm genommen hätte. Dann gebt ihn mir zurück, “ sprach der Abt, denn sonst wollen die drei Jungfrauen nicht mit mir gehen. „ Die Nonne gab ihm den Kamm. Am anderen Tage reiste nun der Abt weg und wurde mit großem Jubel in seinem Kloster empfangen, wo man die Reliquien an einem schicklichen Orte der öffentlichen Verehrung aussetzte.

In jener Zeit aber, wo Otto und Philipp um die Krone des deutschen Reiches mit einander stritten und Thüringen in großen Kriegsunruhen lag, verbarg man den Kirchenschmuck und die Reliquien. Die drei Körper wurden in eine Ecke unter das Dach gebracht, wo sie sicher lagen. Als aber die Unruhen im Lande zu Ende waren, gedachte Niemand der drei Jungfrauen und sie blieben vergessen in ihrer Ecke liegen. Darüber erzürnt, schlugen sie zu zweien Malen heftig wider den Schrein, worin sie lagen, so daß es Jeder wohl hören konnte, und als das nichts half, erschienen sie dem Küster zweimal und ermahnten ihn, dafür zu sorgen, daß man sie wegthue von dem Orte, wo sie so verachtet lägen. Aber auch dieses half nichts. Siehe, da erschienen sie in einer Nacht während der Matutine am Eingange des Chores, verneigten sich zuerst gegen den Altar, dann gegen den Abt und die Mönche und verließen durch eine fast stets geschlossene Thüre die Kirche. Alle hatten das gesehen, aber jeder der Mönche meinte es allein gesehen zu haben.

Nach der Matutine ging ein Mönch zum Abte und erzählte ihm von der Erscheinung. Die sah ich auch, “ sprach der Abt und alle Mönche kamen und sagten dasselbe. Da frug sie der Abt, ob sie nicht wüßten, was das zu bedeuten habe, und wer die drei Jungfrauen wären. Man rieth lange hin und her, endlich sprach ein Mönch: „Sollten das nicht die drei Jungfrauen sein, welche wir von Köln empfangen und die noch unter dem Dache liegen? „ Da liefen Alle zu dem Schrein und als sie ihn leer fanden, schickten sie den Abt nach Köln, damit er die drei Jungfrauen zurückhole. Als der Abt der Aebtissin den Vorfall erzählte und man die drei Körper auf derselben Stelle fand, wo sie vordem gelegen hatten, da sprach die Aebtissin zu dem Abte, der die Jungfrauen schon wieder mitnehmen wollte: „Nein, nein, die lieben Herrinnen sind uns gar willkommen, sehr willkommen; und da sie bei euch nicht bleiben wollten, werden wir sie wahrlich nicht wieder zurücksenden. “ Da gaben sie ihm ein Haupt einer anderen Jungfrau, und mit dem mußte der Abt sich begnügen und zog traurig seiner Wege.

Quellen: