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(Die Sagen vom Singerberge sind meistens durch Herrn Axthelm aus dem Munde des
Volkes gesammelt.)
Im finsteren Schoße des Singerberges lagen große Schäße, erbeutet von jenen gottlosen Rittern. Einem frommen und muthigen Menschenkinde ist es vergönnt sie zu heben. Aber noch Niemand hat bis jetzt den Muth gehabt durch die enge Pforte in die unterirdischen Hallen zu dringen. Vor mehr als hundert Jahren hütete ein Schafknecht des Rittergutes Griesheim seine Herde an den mächtigen Felsen des Berges. Auf seinen Stab gelehnt und vor sich hinschauend bewahrte er hinter einem Felsen eine kleine Thür, alt und rostig und stark mit Eisen beschlagen. Ein graues Männchen mit silberweißem Bart hielt davor Wache und winkte ihm freundlich einzutreten. Die Thür öffnete sich und der Schäfer erblickte einen langen dunkeln Gang, aber er konnte sich nicht entschließen einzutreten. Traurig drehte ihm das graue Männchen den Rücken zu und die Pforte schloß sich auf viele, lange Jahre wieder zu. Mit innerem Grausen trieb er seine Herde weg von dem unheimlichen Orte. Abends bei hellem Mondscheine erzählte er sein Erlebniß einem guten Freunde. Dieser redete ihm zu, mit ihm hinauszugehen, die Pforte zu suchen und den Schatz zu heben. Er wußte genau noch die Stelle, wo das Thor gewesen war. Sie suchten lange, aber keine Thür war zu sehen und der gute Freund warf ihm vor, daß er ihn wohl nur zum Besten gehabt habe. Lange Zeit war der Schäfer betrübt, daß er die Stunde des Glücks nicht genutzt hatte. Erst nach hundert Jahren wird sich der Zugang wieder öffnen, und wer Muth hat einzutreten, wird Herr von den unterirdischen Schätzen werden.
Quellen: