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Thuringia. 1843. S. 344 f.
Ein Müller an der Unstrut wollte das Wehr, das die Wogen schon zweimal zerrissen hatten, wieder aufbauen lassen und besprach sich deshalb mit einem Baumeister. Unsere Mühe ist umsonst,“ sagte dieser dem Müller ins Ohr„,wenn ihr nicht im Geheimen ein Kind kauft, das noch an der Mutterbrust trinkt.“ „Und was soll's damit?“ fragte neugierig der Müller. „Das müssen wir lebendig hineinmauern,“ antwortete der Baumeister„,wenn das Wehr der Gewalt des Wassers widerstehen und nicht in seinen Grundfesten erschüttert werden soll.“ Der Müller lächelte zu dieser Rede, hatte aber keine grosse Lust eine solche Schuld auf sich zu laden. Allein der Baumeister sprach so lange auf ihn hinein, bis der Müller sich zu dieser Unmenschlichkeit entschloss. Eifrig war er nun darauf bedacht ein Kind zu erkaufen. Endlich fand er eine Mutter, die für schnöden Lohn ihr Kind dem Müller überlieferte. Nun gings ans Werk. Unter allerlei Zaubersprüchen mauerte der Baumeister den Säugling ein und Niemand erfuhr die böse That. Das Jahr darauf wurde die Unstrut so gross und wild, wie nie zuvor, aber das Wehr trotte den Wogen, als sei es aus Quadern von Porphyr und Granit erbaut. Zwanzig Jahre lang hat es unerschütterlich gestanden. Da geschah es einmal, dass die Mutter des Kindes von ungefähr in die Nähe des Wehres kam. Sogleich fing das Wasser an zu braussen und zu toben und wühlte sich sichtbar in den tiefuntersten Grund. Das Wehr wankt, borstet und sinkt unter gewaltigem Krachen und mitten aus seinen Trümmern steigt die Nixe, eine holdselige Jungfrau an der Hand, singend empor. Die Rabenmutter, welche dem Umsturze zugesehen hatte, erkannte sogleich ihr Kind und entfloh mit Furcht und Entseyen, soll aber noch desselbigen Tages todt an den Ufern der Unstrut gefunden worden sein.
Quellen: