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Der wilde Jäger jagt die Moosleute (Witzschel)

  Prätorius Weltbeschr. I, 691 ff.
  Grimm deutsche Sagen I, Nr. 47 u. 48. S. 59 f.

Ein Bauer aus der Gegend von Saalfeld hatte auf der Heide Holz gehauen und zwar Nachmittags. Da trat zu ihm ein klein Moosweibchen und sprach: „Vater, wenn ihr werdet nachher aufhören und Feierabend machen oder den letzten Baum umhauen, so hauet ja in den Stamm drei Kreuze, es wird euch gut sein.„ Und damit ging es wieder weg. Der Bauer aber hielt das für Quackelei und das Moosweibchen für ein Gespenst und unterliess das Einhauen der Kreuze, als er gegen Abend nach Hause ging. Des andern Tages um dieselbe Zeit ging der Bauer wieder in den Wald um seine Arbeit weiter zu thun. Das Weibchen kam wieder und sprach: „ach ihr Mann, warum habt ihr gestern die drei Kreuze nicht hinein gehauen? Es sollte euch und mir geholfen haben. Wir werden sehr oft und fast ohne Unterlass des Nachmittags, sonderlich aber des Nachts von dem wilden Jäger gejagt und haben keine Ruhe, wo wir nicht auf dergleichen behauene Bäume kommen, denn davon kann er uns nicht bringen und wir sind sicher.“ „Hoho,“ sprach der Bauer in seiner gewohnten Grobheit, „was soll das sein und was können die drei Kreuze helfen? Dir zu Gefallen will ich noch keine hinmachen.“ Darauf fiel das Moosweibchen über den groben Bauer her und zerdrückte ihn so sehr, dass er krank davon wurde, obwohl er von starker Natur war. Nachher soll der Bauer niemals unterlassen haben, die drei Kreuze einzuhauen, auch ist ihm dann nichts widerliches geschehen.

Solche Weibchen und Männchen wohnen in jener Gegend auf der Heide oder im Holz an dunkeln Oertern und in Höhlen unter der Erde. Sie liegen auf grünem Moos und sind um und um mit Moos bekleidet. Die Sache ist allgemein bekannt; Handwerker, besonders die Drechsler, bilden dergleichen Püppchen nach und stellen sie zum Verkaufe aus. Die Moosleute werden aber von dem wilden Jäger oft gejagt, doch zu einer Zeit mehr als zur andern. Die umwohnenden Leute hören es oft mit Verwunderung und sprechen dann Einer zu dem Andern: „der wilde Jäger hat sich ja nächsten wieder zugejagt, dass es immer knisterte und knasterte.“

Ein Bauer aus Arntschgereute nahe bei Saalfeld war aufs Gebirge gegangen zu holzen, als eben der wilde Jäger jagte, den er zwar nicht sah, aber seine bellenden Hunde hörte. Da gab ihm sein Vorwitz ein, dass er auch wollte mit jagen helfen und hub an zu schreien wie der wilde Jäger. Dabei verrichtete er seine Arbeit und ging dann wieder heim. Des andern Tags will er früh in seinen Pferdestall gehen, da war vor der Thür ein Viertel von einem grünen Wald- oder Moosweibchen aufgehängt, gleichsam als ein Theil oder Lohn der Jagd. Darüber erschrack der Bauer und lief geschwinde nach Wirbach zum Edelmann von Watdorf und erzählte die Sache. Der hat ihm gerathen, er solle ja um seiner Wohlfahrt willen das Fleisch nicht anrühren, sondern hängen lassen, sonst würde ihn der Jäger hernach drum anfechten. Das hat der Bauer auch gethan und das Wildbret ist nachher von selbst wieder unerwartet weggekommen; auch ist der Bauer ohne weitere Anfechtung geblieben.

Quelle: Dr. August Witzschel: Sagen aus Thüringen. Meersburg und Leipzig 1930