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Vom Herrn Pfarrer Schönheit in Singen.
Vor langer Zeit fuhr ein Mann aus Möhrenbach mit seinem einspännigen Karren auf die Deube, um daselbst Frucht einzukaufen und in seinen Ort zu fahren, wo es eben daran fehlte. Nachdem er dort seinen Karren mit der gehandelten Frucht beladen und das Geld bezahlt hatte, fuhr er noch desselbigen Tages, obwohl es schon zu dämmern anfing, zurück um in Cottendorf zu übernachten und am folgenden Morgen bei guter Zeit wieder nach Hause zu kommen. Aber nicht lange war er gefahren, so wurde es auf einmal so finster, dass er den Weg nicht mehr wahrnehmen konnte, von demselben ganz abkam, in der Irre umherfuhr und zuletzt nicht mehr wusste wo er war. Auf einmal erblickte er ein grosses, hellerleuchtetes Gebäude. Ohne sich lange zu besinnen, fuhr er darauf zu und klopfte bei seiner Ankunft am Thore an. Ein altes Männchen mit schneeweissem Haupt und langem, weissen Barte öffnete das Thor und fragte nach seinem Begehr. Der Fuhrmann sagte: „ich habe mich in der grossen Dunkelheit verirrt und bin mit meinem Wagen vom Wege abgekommen; wenn es geschehen kann, so möchte ich hier mit meinem Geschirr übernachten.“ Das Männchen antwortete: „dein Wunsch wird dir gewährt, fahre herein.“ Der Fuhrmann that, wie ihm gesagt wurde, und das alte Männchen geleitete ihn mit seinem Geschirr auf einen grossen Hof, half ihm ausspannen, das Pferd in den Stall bringen und füttern, ihn selbst aber führte es in eine hell erleuchtete Stube. Da fand der Fuhrmann Speise und Trank und eine gute Streu zum Nachtlager. Nachdem er sein Abendbrod verzehrt hatte, legte er sich auf sein Lager und schlief ein. Als er wieder erwachte, wollte es eben Tag werden. Er stand auf und eilte sein Pferd zu füttern. Das alte Männchen war wieder an seiner Seite, ihm bei der Fütterung zu helfen.
Als sie in den Stall traten, wicherte ihnen das Pferd muthig entgegen; es bekam sein Morgenfutter und auch für den Fuhrmann stand ein gutes Frühstück bereit. Er liess sich dasselbe wohl schmecken, dann wollte er bezahlen und fragte nach seiner Schuldigkeit. Aber das Männchen verbat sich alle Bezahlung und sprach: „Irrende beherberge und bewirthe ich umsonst.„ Unter tausend Danksagungen ging der Fuhrmann nach dem Stalle sein Pferd zu holen und anzuspannen; das Männlein war dabei wieder behilflich, öffnete das Thor und wünschte ihm eine glückliche Heimkunft. Als der Fuhrmann zum Thore hinausfuhr, fragte ihn noch das alte Männchen, ob die bunten Gackelstern noch auf Erden lebten. Da der Fuhrmann das bejahte, seufzte das Männchen ein lautes ach! und verschwand, das Thor aber schlug mit einem furchtbaren Geprassel zu. Dem Fuhrmann kommt darüber ein gewaltiger Schrecken an und als er sich umschaut, erstaunt er nicht wenig, dass das grosse Gebäude verschwunden ist und er sich mit seinem Karren vor dem ihm wohlbekannten Singerberge befindet.
Nachdem er sich von seinem Schrecken und Staunen einigermassen erholt hat, fährt er nach Cottendorf zu und durch das Dorf gerade durch, in welchem ihm aber allerlei ganz anders vorkommt. Ohne sich weiter darum zu bekümmern, fährt er durch Gräfinau und Angstedt. In beiden Orten zeigen sich seinen Blicken wieder manche Veränderungen und er weiss gar nicht, was er davon denken soll. Auch in Gehren wird er zu seiner Verwunderung ganz andere Häuser gewahr, als er sie erst gestern nach seiner Meinung gesehen hat, und begegnet vielen Leuten, die er nicht kennt. Als er aber mit seinem Geschirr nach Möhrenbach, seinem Heimathsort, kommt und zum Thore seines Wohnhauses einfahren will, steht an dessen Stelle ein ganz anderes Haus, auch andere Leute bewohnen dasselbe und verwehren ihm die Einfahrt. Der Mann weiss vor Staunen und Verwunderung nicht, was er denken oder sagen soll. Die Sache wird laut im Dorfe und die Bewohner versammeln sich nach und nach bei dem Hause. Niemand von ihnen kennt den Fuhrmann und auch er sieht unter ihnen nur fremde Leute. Er nennt seinen Namen, aber selbst die ältesten Leute wissen sich seiner nicht zu erinnern. Endlich schlägt man in einem alten Kirchenbuche des Orts nach und da findet sich gerade vor 100 Jahren sein Name mit der Bemerkung eingetragen, dass dieser Mann mit seinem Geschirr zum Fruchteinkauf von Möhrenbach weggefahren , aber nicht wiedergekommen sei. Und als nun der Fuhrmann sein Erlebniss erzählte, da wurde Allen klar, dass derselbe mit seinem Pferde gerade 100 Jahre im Singerberge verschlafen hatte. Die Gemeinde nahm ihn nun zwar als den Ihrigen auf, aber bald darauf wurde der Mann in seinem überaus hohen Alter zu seinen Vätern versammelt.
Quellen: