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Die Hochzeiterin

  Eine mündliche Überlieferung aus Wendelsheim

Im Wald zwischen Hailfingen und Wendelsheim geht seit vielen Jahren ein Mädchen um und ist bei Tag und Nacht von vielen hundert Menschen gesehen worden. So oft sie erschien, war sie jedes Mal als Hochzeiterin gekleidet. Namentlich fehlte nicht die mit Gold und Silber geschmückte Krone, wie sie noch in manchen Orten bei der Hochzeit getragen wird. Sie soll schon oft die Leute ganz unmerklich vom rechten Wege abgeführt haben, sodass sie sich nicht wieder zurechtfinden konnten.

Einmal fuhr ein Bauer bei Nacht mit seinem erwachsenen Sohn von Seebronn nach Oberndorf, wo er zu Hause war, und wie er in dem Wald an eine gewisse Stelle kam, sagte er zu seinem Sohn: »Sieh, da ist der Platz, wo sich die Hochzeiterin erhenkt hat. Die ist ihrem Bräutigam, mit dem sie schon vor dem Altar gestanden hat, davongelaufen. Dies Weibsbild muss doch eine rechte Schindermähre gewesen sein.«

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, so stand die Hochzeiterin in ihrem Schmuck plötzlich vor ihm da, packte ihn und warf ihn zu Boden, zerkratzte ihm das Gesicht, riss dann die zwei vorderen Wagenräder aus den Achsen heraus und schleuderte sie etwa hundert Schritt weit fort. Dem Sohn, der dabeistand und alles mit ansah, fügte sie kein Leid zu. Als er aber die Räder wiederholte und sie auf die Achsen stecken wollte, musste er erst die Achsennägel, die Lünsen, die noch in beiden Achsen steckten, herausziehen, sodass er gar nicht begreifen konnte, wie die Räder nur hatten losgehen können.

Acht Tage später war der Hailfinger Waldschütz auf einer Hochzeit bei seinen Verwandten in Wendelsheim. Als er nachts um 10 Uhr nach Hause ging und durch den verrufenen Wald kam, hörte er auf einmal, wie in seiner Nähe Holz abgehauen und abgeknickt wurde. Da rief er laut: »He! Geht’s so darin her?«

Als aber das Hauen und Abbrechen nicht aufhörte, lief er von der Straße seitwärts in das Gehölz und traf alsbald ein Weib. Zu dem sprach er im Zorn: »Gehst du nicht gleich aus dem Wald, so schlag ich dir mit der Axt das Hirn ein.«

Da warf ihn aber das Weibsbild zu Boden und schlug ihn so entsetzlich, dass er mehrere Stunden lang ohnmächtig dalag. Als er endlich wieder zu sich kam und aufblickte, so stand die Hochzeiterin leibhaftig vor ihm da. Dann ging er ruhig seines Wegs und hat ihr nie wieder ein hartes Wort gesagt.

Man erzählt über die Hochzeiterin noch Folgendes: Sie war aus Hailfingen und liebte einen braven und schönen Burschen, der aber wenig Vermögen hatte. Deshalb wollten ihre Eltern, die reich und geizig waren, die Heirat nicht zugeben und zwangen sie, dass sie sich mit einem reichen, aber hässlichen und gar nicht liebenswürdigen Mann verloben musste. Ws sie diesem nun angetraut werden sollte und sie schon vor dem Altar mit ihm stand, brach sie plötzlich in ein heftiges Weinen aus, stürzte zur Kirche hinaus und erhenkte sich an einer Fichte, die am Weg zwischen Seebronn und Oberndorf in dem Hailfinger Walde steht. Seitdem muss sie hier geisten, namentlich in der Nähe der Fichte.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852