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Eine mündliche Überlieferung aus Wurmlingen
Vermittelst eines Siebes und einer Schere, die von bereits verstorbenen herrühren (Erbsieb und Erbschere), kann man allerlei erfahren. Man breitet die Schere aus und steckt die beiden Spitzen so tief in den Rand des Siebes, dass es fest daran hängt. Dann legen zwei Personen einen Finger unter die zwei äußeren Seiten der Scherenringe und heben so das Sieb.
Jetzt fragt der eine etwa: »Soll ich dieses Jahr noch heiraten? Wird mein Vater bald sterben? Hat der und der mir das Holz gestohlen?« … und dergleichen.
Bejaht das Sieb eine Frage, so dreht es sich bei dem Fragenden gewaltsam von der rechten zur linken Seite hin. Sagt es aber Nein, so bleibt es ganz ruhig hängen.
Anf die nämliche Art gebrauchen Katholiken ein Gebetbuch, das der Himmelsschlüssel heißt. Sie stecken eine Schere hinein, binden diese mit dem Buch zusammen und halten dies dann an der Schere. Das Buch antwortet auf alle Fragen mit Ja oder Nein wie das Sieb. Beide Arten der Befragung waren noch lange im Gebrauch.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852