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Schlangensteine

Über den Schlangenstein, der auf dem Land bei Schwäbisch-Hall gefunden worden war, hat man durch Gerücht und Hörensagen von glaubwürdigen Personen Folgendes vernommen: Es hat sich vor unsrer Väter Gedenken zugetragen, dass ein Mann von altberühmter Treue, der aus dem ansehnlichen Geschlecht der Gräter herstammte, zu den Tempeln einiger Heiligen wallfahrten wollte und in den Diepacher Tälern, durch welche zwischen den Dörfern Kreftelbach und Geißlingen der Fluss Biler hinfließt, auf dem Weg ein unerhörtes Geräusch und Gezisch gehört hatte, welchem er mit Fleiß nachgegangen und einen unglaublich großen Haufen von Schlangen, Wasserschlangen, Waldschlangen, Ottern und Feuerschlangen, die sich so ineinander verflochten, angetroffen, nach dessen Anblick er einen abgehauenen Baum, so nicht weit davon entfernt war, auf diesen Haufen geworfen und sie auseinandergetrieben hatte. Was er vermochte, hatte er umgebracht, und endlich an eben diesem Ort einen Schlangenstein, den er erblickte, aufgehoben. Dieser Stein, dem der Name von einer Feuerschlange gegeben worden war, war von Caspar Gräter, einem Ratsherrn zu Halle, feierlich und gleichsam heilig als eine großväterliche Beilage der Gräterschen Nachkommenschaft anvertraut und anbefohlen worden, mit der Verordnung, das hinfüro, so lang die Sonne mit ihrem hell glänzenden Licht die Erde beleuchten wird, er in der Freundschaft sollte aufbehalten werden, und zwar von einem, der ein Bürger zu Halle und der Älteste unter den Grätern wäre, welches auch viele Jahre fleißig beobachtet worden ist.

Der Nutzen dieses Steins (soviel man sich davon erkundigt hat) ist sowohl in bösen, ja vergifteten Geschwulsten, Geschwüren, Entzündungen, beides, der Menschen und Tiere, welche durch vielfältiges Anrühren demselben geheilt werden, als auch in vergifteten Bissen, da er, wenn er angelegt wird, das Gift abtreibt. Welche auch bei ansteckenden pestilenzialischen Krankheiten zu geschehen pflegt, wenn sich äußerlich Blattern zeigen.

Die Schwere des Steins ist vier gemeine Pfund, weniger drei Lot. Die Gestalt ist länglich rund. Man hörte von anderen Leuten, dass die Frauen diesen Stein in schweren Geburten gebrauchen, und helfe ihnen auch, dass sie bald und glücklich gebären. Aber man leihe ihn niemand, wo man nicht eine gewisse Summe Geldes zum Unterpfand gebe. Insbesondere müsse man eine größere Summe geben, wenn er jemanden außerhalb der Stadt geschickt werde.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852