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Springwurzel 1.Sage

  Eine mündliche Überlieferung aus Derendingen

Kein Mensch weiß, wo die Springwurzel wächst. Man kann sie sich aber verschaffen durch einen Wiedehopf; nämlich so: Findet man das Nest dieses Vogels in einem hohlen Baum, so muss man den Eingang mit einem Brett vernageln. Dann holt der Wiederhopf die Springwurzel und hält sie vor das vernagelte Nest, worauf sofort das Brett abspringt. Alsdann bringt der Vogel diese Wurzel, um sie zu vernichten, in ein Wasser oder lässt sie, wenn er unterwegs ein Feuer findet, da hineinfallen. Deshalb muss man in der Nähe des Nestes entweder eine Gelte mit Wasser aufstellen oder ein Feuer anmachen und die Springwurzel auffangen, wenn er sie fallen lässt. Statt des Feuers darf man aber auch nur ein rotes Tuch oder Kleid ausbreiten, so hält der Wiedehopf dasselbe für Feuer und lässt die Wurzel fahren.

Vor einer solchen Springwurzel springen alle Türen und Schlösser auf. Auch macht sie sicher gegen Stich und Kugeln, wenn man sie in der rechten Tasche bei sich trägt.

Wenn man einen kühnen Dieb nicht ertappen kann, so sagt man wohl: »Der muss eine Springwurzel haben.«

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852