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Eine mündliche Überlieferung aus Wurmlingen
Ein Bürger aus Seebronn war in Rotenburg gewesen und kam nachts auf dem Heimweg an dem Heuberger Turm vorbei. Da hörte er in demselben eine schöne Musik und konnte es nicht lassen, hineinzugehen. Der ganze Turm, in dessen Inneren sonst nur einige Balken lagen, war in die prachtvollsten Säle umgewandelt, und in den Sälen wimmelte es von vornehmen Gästen, die teils aus kostbaren Geräten die herrlichsten Sachen aßen und tranken, teils bei einer vortrefflichen Musik tanzten. Auch dem Seebronner Bauer wurden Speisen und Weine vorgesetzt, die er sich schmecken ließ. Nachdem derselbe sodann ein paar Stunden lang dies Treiben mit angesehen hatte, fiel ihm ein, dass er jetzt endlich nach Hause eilen müsse. Es entfuhren ihm die Worte: »O Jesis, jetzt muoß i doch au emol hoam gau!«
Kaum hatte er den Ausruf: »O Jesis!« getan, so waren die Gäste mit samt den Speisesälen und der Musik wie ein Blitz in der Nacht verschwunden. Es war mit einem Male stockfinster geworden, und statt wie vorher auf einem weichen Stuhl zu sitzen, saß der Bauer plötzlich rittlings auf einem Balken, von dem er nicht loszukommen wusste, weshalb er jämmerlich zu schreien anfing und um Hilfe zu rufen.
Zum Glück kamen einige Leute ans Rotenburg vorbei, die nach Seebronn wollten, und machten hier Anzeige von dem Geschrei, worauf mehrere Seebronner mit einer Laterne in den Turm stiegen und den Mann befreiten. Dieser gab dem Gemeinderat die ganze Geschichte zu Protokoll und dies soll noch heute in Seebronn aufbewahrt werden. Die Geschichte aber ist im 16. Jahrhundert vorgekommen.
Auch in neuerer Zeit sieht man in dem Turm noch oftmals bei Nacht Feuer und Lichter.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852