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Der Junker Jäkele 1

  Eine mündliche Überlieferung aus Wurmlingen bei Rotenburg

Im Obernwald bei Wurmlingen haust der »Junker Jäkele« oder der »Schimmelreiter«. Derselbe hatte eine halbe Stunde von Wurmlingen, in Poltringen, ein Schloss, wo er nach seinem Tod umging und öfters mit der Pfeife im Mund am offenen Fenster rauchend gesehen worden ist. Gewöhnlich aber hält er sich im Obernwald auf, den deshalb, besonders in früherer Zeit, niemand bei Nacht betrat. Einst jedoch wagte es ein Mann aus Wurmlingen des Nachts durch den Wald zu gehen. Da begegneten ihm zwei kleine Hunde, die mit einer Kette zusammengebunden waren. Hundert Schritt weiter kam ihm ein zweites Paar Hunde entgegen. Die waren größer als das erste und ebenfalls zusammengekettet. Nachdem er wieder hundert Schritt weiter gegangen war, traf er ein drittes Paar. Die waren ganz groß und auch mit einer Kette aneinander geschlossen. Unmittelbar auf diese letzten beiden Hunde folgte der Schimmelreiter und machte ein wildes Geschrei und hielt still, als der Mann ihm gegenüberstand. Dem ward es Angst zumute und er wäre gern geflohen, wenn er nicht die großen Hunde gefürchtet hätte. Da betrachtete er sich den großmächtigen Gaul mit gelbem Gebiss und den metallenen Halbmond, der unter dem Zaum hing. An dem Schimmelreiter selbst sah er ein Gewehr an der einen und eine Jagdtasche an der anderen Seite hängen. Wie er endlich aber an dem Mann hinaufblickte, bemerkte er mit Schrecken, dass er geköpft war und seinen eigenen Kopf in einem Teller unterm Arme trug. Das dauerte wohl eine Viertelstunde. Dann ritt er weiter.

Es heißt, der Schimmelreiter ziehe vom Obernwald bis ins württembergische Unterland, indem die sechs Hunde, immer zwei und zwei zusammen, vor ihm herlaufen sollen, und er selbst mit hoher Stimme den Jägerruf. »Hup! Hup!« ausstößt.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852