<<< vorherige Sage | Kapitel 1 | nächste Sage >>>

Das Riesenweible

  Eine mündliche Überlieferung aus Fridingen

Ein Teil des Welschenbergs zwischen Fridingen und Mühlheim heißt wegen seiner Schluchten und Felsenrisse, in denen man Holz herabschleift, der Riese (d. i. Holzrutsche), und ein Geist, der dort umgeht, wird das »Riesenweible« genannt. Von dem erzählt man sich mancherlei. Einst suchte eine arme Frau in dem dortigen Wald Holz und setzte sich endlich, weil sie Hunger und Durst litt, auf die Erde und weinte. Da sah sie auf einmal einen Krug dastehen, den sie zuvor nicht bemerkt hatte, und nahm ihn, um sich einen Trunk Wasser aus der Donau zu schöpfen. Wie sie nun den Krug näher betrachtete, lag trockenes Laub darin, das sie alsbald hinausschüttete. Da klingelten aber blanke Goldstücke auf die Erde, sodass die arme Frau plötzlich sehr reich wurde. Man glaubt, dass sie dies dem Riesenweible zu verdanken hatte.

Ebenso haben auch andere Leute an verschiedenen Plätzen bei Fridingen, zum Beispiel auf der Höhe, wo Altfridingen gelegen haben soll, schon oftmals Häfen, Scherben und Schüsseln gesehen, die mit Laub, mit kleinen »Krotten« und dergleichen angefüllt waren. Hätten sie diese Gefäße mitgenommen, so wäre gewiss der Inhalt derselben in Gold verwandelt worden.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852