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Die Schlange mit der Goldkrone

  Mündliche Überlieferung von einem alten Schäfer aus Wurmlingen bei Rotenburg

In Wurmlingen stand vor alters ein Schloss, das gehörte dem edlen Herrn Megenzer oder Megezer, wie man gewöhnlich spricht. Zu dem Schloss gehörte auch eine Meierei, die nur vierzig Schritte davon entfernt war. Diesen Meierhof besaß in der Mitte des 17. Jahrhunderts ein Bauer mit Namen Johannes Hölle. Derselbe hatte auch den alten Keller gekauft, den man beim Abbruch des Schlosses der Megenzer stehen ließ, und stellte dort während des Sommers die süße Milch hinein, um sie, wie man sagt, gestehen zu lassen.

Da geschah es, dass beständig der Rahm von der Milch abgefressen wurde, ohne dass man entdecken konnte, woher das kam. Endlich fand man, dass sich eine Schlange in dem Keller aufhielt und den süßen Rahm verspeiste.

Da erteilte jemand den Bewohnern des Meierhofs den Rat, sie sollten doch täglich einen besonderen »Scherben« mit süßer Milch füllen und diesen für die Schlange in den Keller stellen. Und so wie sie dies taten, so trank die Schlange die Milch aus diesem Scherben und ließ den Rahm der übrigen Milch unberührt.

Eines Tages nun kamen Kinder aus der Nachbarschaft vor die Kellertür und fanden dort mehrere Scherben von zerbrochenen Schüsseln und spielten damit. Und weil die Scherben einen ganz besonders schönen Glanz hatten, so schoben sie einige davon in ihre Taschen und nahmen sie mit nach Hause. Als die Kinder aber am anderen Morgen ihre Kleider wieder anziehen wollten, so hörten die Eltern, dass in den Taschen Geld klingelte, griffen deshalb hinein und zogen lauter schöne, silberne Geldstücke daraus hervor. Die waren übrigens nicht rund, sondern teils dreieckig, teils viereckig. Als man die Kinder fragte, wo sie das Geld bekommen haben, so versicherten sie, sie hätten bloß glänzende Scherben, die vor der Tür des Megezer Kellers gelegen haben, in die Taschen gesteckt. Vor jener Kellertür seien deren noch mehrere. Die Eltern begaben sich sogleich dahin, fanden aber keine Scherben mehr.

Nachher zeigte sich die Schlange wider im Keller und trug eine goldene Krone auf ihrem Haupt und bot diese zum Abnehmen den Leuten dar, wobei sie sich ungemein freundlich stellte. Aber niemand wagte es, die Goldkrone zu nehmen.

Später erschien sie noch öfters, aber ohne Krone, und war ganz wütend und wild, zischte und schnurrte, indem sie wieder Blitz im Keller herumfuhr.

Man vermutet, dass wenn die Kinder alle Scherben aufgelesen oder man ihr später die Goldkrone abgenommen hätte, die Schlange erlöst gewesen wäre, da sie doch offenbar nichts anderes als ein Geist war.

Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852