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Eine mündliche Überlieferung aus Mittelstadt
Am linken Ufer des Neckars, Mittelstadt schräg gegenüber, liegt der Hof Hammetweil, wo früher ein altes Schloss gestanden hatte. In der Nähe dieses Hofes hielten sich ehedem zwei Meerfräulein auf, die waren klein wie Kinder und schneeweiß gekleidet. Sie kamen während des Sommers zuweilen an den Neckar und badeten sich darin und patschten recht lustig. Auch hörte man sie zuweilen singen. Des Nachts aber gingen sie in die Wohnungen der Menschen, zum Beispiel in Mittelstadt, und kneteten hier die Brodlaible zurecht, wenn man ihnen abends nur das Wehl dazu hingestellt oder den Teig angerührt hatte.
In Walddorf nannte man diese Meerfräulein »Hochzeiterinnen,« weil sie Kränze aufgehabt haben sollen wie Bräute. Auch nach Altenrieth sind sie gekommen und wurden »Erdweible« genannt. Sie taten des Nachts allerlei Arbeit für die Menschen, aber niemand durfte sie anreden, sonst blieben sie weg. Ihre Wohnung soll beim Wasserfall des Märzenbach gewesen sein.
Einst sah ein Mann eine von diesen beiden Meerfräulein auf dem alten Hammetweiler Schloss mit gefalteten Händen sitzen, als ob sie bete. Man hat einige Mal versucht, diese Fräulein zu fangen. Es ist aber nie gelungen. Endlich sollen zwei Männer in einem Wagen gekommen sein und sie erlöst haben.
Quelle: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, gesammelt von Dr. Ernst Meier, Stuttgart, Verlag der J. B. Metzler'schen Buchhandlung, 1852